Deutsche Kriegsgefangene in Großbritannien 1939-48

1 Einleitung

Der zweite Weltkrieg hat das Leben und die Erinnerung in Europa wie kaum ein anderes Ereignis geprägt. In Film und Fernsehen, sowohl in Hollywood als auch in Dokumentationen, wurden symbolische Wendepunkte des Krieges wie die Luftschlacht um England, die Schlacht von Stalingrad oder die Landung der Alliierten in der Normandie, verewigt. Mit vergleichbarer Aufmerksamkeit wurden die Gräueltaten der Nazis, allen voran der Holocaust, untersucht und mal mehr mal weniger akkurat von besagten Medien dargestellt. Doch das Thema der Kriegsgefangenschaft hat bisher einen eher weniger prominenten Platz in der deutschen Erinnerungskultur eingenommen, vor allem was die Gefangenschaft deutscher Kriegsgefangenen im Westen angeht. Dies kann wohl zumindest zum Teil auch der deutschen Außenpolitik der ersten Nachkriegsjahrzehnte zugeschrieben werden, welche die Forschungsliteratur zu diesem Thema erst in den 70er Jahren der breiten Öffentlichkeit zugänglich machte, lange nachdem die letzten Kriegsgefangenen nach Deutschland zurückgekehrt waren (vgl. Benz & Schardt 1991, S. 10).

Diese Arbeit soll sich nun mit genau diesem Thema beschäftigen, genauer gesagt mit der Kriegsgefangenschaft deutscher Wehrmachtsangehöriger in britischer Gefangenschaft. Dabei wird sich diese Untersuchung auf die Kriegsgefangenen in Großbritannien beschränken, da eine gründliche Darstellung der Erfahrungen aller Gefangener in britischem Gewahrsam, also auch in den Ländern der Commonwealth, in Nordafrika und in Kontinentaleuropa, den Rahmen schlichtweg sprengen würde. Lediglich mit einbezogen wird die Deportation und die Umstände der Selbigen in die verschiedene Länder der britischen Commonwealth, da sich in diesem Abtransport deutscher Gefangener das Bild der Öffentlichkeit und der Politik dieser Gefangener in den ersten Kriegsjahren besonders deutlich widerspiegelt.

Neben dem Kriegsverlauf selbst hatte vor Allem der Einsatz der Deutschen als Arbeitskräfte gegen und nach Ende des Krieges einen erheblichen Einfluss auf dieses Bild Zur Durchführung dieser Untersuchung wird die Behandlung der deutschen Wehrmachtsangehörigen in chronologische Abschnitte eingeteilt werden, welche sich grob nach Wendepunkten im Kriegsverlauf richten, da diese – wie bereits angedeutet – in der Regel auch mit Änderungen in der Behandlung der Kriegsgefangenen einhergehen. In diesem Kontext wird mitunter auch auf die unterschiedliche Behandlung deutscher und italienischer Gefangener eingegangen werden.

Als sich spätestens ab 1943 der Sieg der Alliierten abzuzeichnen begann, starteten die Siegermächte, allen voran die USA und Großbritannien, ein Programm zur „Umerziehung“ deutscher Kriegsgefangener weg von nationalsozialistischen und hin zu westlichen, demokratischen Werten. Zwar gab es auch in der UDSSR Programme zur Umerziehung , dass diese sich aber an anderen Werten orientierten und teilweise auch zu anderen Zwecken durchgeführt wurden, sollte auf der Hand liegen (vgl. ebd., S. 12 f.). Dieses mit dem Begriff „Re-education“ bezeichnete Programm soll ebenfalls zumindest kurz dargestellt werden.

Zum Abschluss dieser Arbeit wird eine kurze Zusammenfassung zur Entwicklung der Kriegsgefangenschaft deutscher Wehrmachtsangehöriger in britischer Gefangenschaft im Laufe des Krieges vorgebracht , sowie ein Fazit zum Einfluss des Krieges auf die Behandlung und das Leben der Selbigen in Gefangenschaft gezogen werden.

Zur Bewerkstelligung dieser Untersuchung wurde hauptsächlich auf Fachbücher, sowie auf Aufsätze aus Fachzeitschriften, sowohl aus dem deutschen und als auch aus dem angloamerikanischen Raum, zurückgegriffen.

2 Kriegsgefangenschaft in britischer Hand

Über die gesamte Dauer des Krieges durchliefen etwa 3,7 Millionen deutsche Wehrmachtsangehörige insgesamt britische Kriegsgefangenschaft (vgl. Wolff 1974, S. 17). Dass die Anzahl an Kriegsgefangenen in britischem Gewahrsam und der Umgang mit den Selbigen stark von der Phase des Krieges abhing, liegt auf der Hand, weswegen diese Arbeit in verschiedene Phasen gegliedert wird. Die erste Phase behandelt die Erfahrungen deutscher Kriegsgefangener von Kriegsbeginn bis 1944. Bestimmend für diese Phase war vor Allem die Invasionsangst der britischen Öffentlichkeit und Politik und der damit verbundene Abtransport des größten Teils der deutschen Gefangenen. Nach der erfolgreichen Landung der westlichen Alliierten in der Normandie gerieten zum ersten mal größere Mengen Wehrmachtsangehöriger in Gefangenschaft. Dieser Umstand und die positive Erfahrung mit italienischen Kriegsgefangenen bewog die britische Regierung dazu, nun auch deutsche Kriegsgefangene als Arbeitskräfte im Land einzusetzen, was das Bild dieser Soldaten in der Öffentlichkeit prägte. Aufgrund dieser Veränderung im Umgang mit den Gefangenen bildet der Zeitabschnitt von 1944 bis zur Kapitulation die zweite Phase dieser Untersuchung. In der letzten Phase von 1944 bis zur Repatriierung der letzten deutschen Soldaten 1948 intensivierte sich die Nutzung deutscher Kriegsgefangener als Arbeitskräfte. Gleichzeitig wurde nun auch aktiv an der Umerziehung einiger dieser Individuen weg vom Nationalsozialismus und hin zu demokratischen Werten gearbeitet. Im folgenden Kapitel sollen diese drei Phasen und die für sie jeweils charakteristischen Merkmale im Detail dargestellt werden.

2.1. Von Kriegsbeginn bis zur Landung in der Normandie (1939-44)

Bereits wenige Wochen nach Kriegsausbruch in Europa gelangten die ersten Deutschen in britische Gefangenschaft. Hierbei handelte es sich um die Besatzung zweier deutscher U-Boote, darunter 18 Offiziere (vgl. Held 2008, S. 7). Insgesamt handelte es sich mit den „Unteroffizieren und Mannschaften“ um 112 Mann, welche in zwei verschiedenen Lager untergebracht wurden, eines für die Offiziere und das Andere für die niedrigeren Dienstgrade. Da Großbritannien in den ersten Monaten des Krieges die direkte Konfrontation mit Nazi-Deutschland vermied blieb auch die Zahl der Gefangen relativ niedrig, wobei ab 1940 ein stetiger Zufluss von Kriegsgefangenen in Form von deutschen Marine- und Luftwaffeangehöriger einsetzte, welche in der Regel in und um die britischen Inseln gefangen genommen wurden. Doch selbst unter diesem Zustrom waren bis Ende 1941 lediglich 6245 deutsche Kriegsgefangene in britischem Gewahrsam. Selbst diese vergleichsweise geringe Menge an Kriegsgefangenen war bereits global verstreut; Nur 1854 der deutschen Wehrmachtsangehörigen in britischem Gewahrsam waren in Großbritannien selbst untergebracht, der Rest verteilte sich auf Kanada, Nordafrika und Australien, also auf insgesamt vier (!) verschiedene Kontinente (vgl. Wolff 1974, S.3 ff.). Hier wird bereits deutlich, welches Ausmaß die bereits erwähnten Deportationen angenommen hatten, wie im Folgenden näher dargestellt werden soll.

2.1.1 Das Bild der Kriegsgefangenen in der Öffentlichkeit und Politik

Sowohl die zu Kriegsbeginn amtierende Regierung unter Chamberlain als auch die Mehrheit der britischen Öffentlichkeit, zumindest was die geäußerten Meinungen in den Medien angeht, sah Hitler und das Nazi-Regime und nicht das deutsche Volk an sich als Feind an. Dies ging auch aus der konsequenten Unterscheidung zwischen den „Germans“ und den „Nazis“ in der Rhetorik der damaligen Zeit hervor. Man ging sogar soweit den Krieg als eine Art „Befreiungskampf“ zu betrachten, um die Deutschen von der Tyrannei der Nazis zu erlösen. Allerdings wurde zu Beginn des Krieges auch erwartet, dass sich das deutsche Volk letztendlich gegen die Nazis wenden und der Krieg damit schnell vorbei sein würde. Dieses Bild der Deutschen als Opfer des Nationalsozialistischen Regime spiegelte sich auch in der Behandlung der wenigen Kriegsgefangenen zu Kriegsbeginn wieder. Diese wurden „nicht als gefährliche Feinde, sondern lediglich als im Auftrag einer kriminellen Regierung Handelnde gesehen“. Der Unterbringung der gefangenen Offiziere stieß jedoch schon früh auf Kritik in der britischen Öffentlichkeit. Diese waren nämlich in einem relativ luxuriösen Herrenhaus untergebracht, dessen Verwaltung entsprechend teuer war (vgl. Held 2007, S. 19-28).

Bis 1944 kam die britische Zivilbevölkerung so gut wie gar nicht mit den deutschen Kriegsgefangenen in Kontakt. Während italienische Kriegsgefangene schon relativ früh als Arbeitskräfte vor Allem in der Landwirtschaft eingesetzt wurden, waren die Deutschen für den Großteil des Krieges nicht beschäftigt worden, was unter Anderem auch an Sicherheitsbedenken der britischen Regierung lag. Aufgrund dieser Bedenken versuchte die britische Regierung, den Kontakt zwischen der britischen Zivilbevölkerung und vor Allem den deutschen Kriegsgefangenen so gering wie möglich zu halten. Dies ging soweit, dass die Regierung Großbritanniens ein allgemeines „Fraternisierungsverbot“ aussprach, welches in verschiedenen Gesetzten seinen Ausdruck fand, so z.B. im Verbot sich auch nur in die Nähe eines Kriegsgefangenenlagers zu geben. Allgemein sollte dieses Verbot dem Kontakt und der „Verbrüderung“ britischer Zivilisten mit deutschen Wehrmachtsangehörigen vorbeugen, indem es den Kontakt beider Gruppen zueinander minimierte (vgl. Moore 2013, S. 743 f.).

Nach der Invasion und Eroberung Polens und den damit verbundenen, von der Wehrmacht verübten, Gräueltaten, begann sich das Bild der Deutschen in Großbritannien allmählich zu wandeln. Zwar wurde immer noch hauptsächlich die Nazi-Regierung für diese Verbrechen im Spezifischen, und den Krieg im Allgemeinen, verantwortlich gemacht, jedoch wurde nun auch anerkannt, dass das deutsche Volk wenig, wenn überhaupt etwas, gegen dieses Regime unternahm. Im Gegenteil, laut einem amerikanischen Bericht fand sich keine „allgemeine Unzufriedenheit“ des deutschen Volkes mit dem bisherigen Kriegsverlauf.

Spätestens mit den Angriffen auf Dänemark und Norwegen war die Unterscheidung zwischen Deutschen und Nazis aufgehoben. Man sprach nun davon, dass sich das deutsche Volk mit der Nazi-Regierung identifiziere und daher nicht mehr von ihnen zu unterscheiden sei. Dieser Wandel im Bild der Deutschen in der britischen Politik und Öffentlichkeit hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Behandlung der bisher gefangen genommenen deutschen Wehrmachtsangehörigen. Diese wurden nun nicht mehr als fehlgeleitete Soldaten gesehen, welche lediglich ihre Pflicht im Dienste eines tyrannischen Staates erfüllten, sondern als „Vertreter eines zu bekämpfenden Regimes identifiziert“ (Held 2007, S. 25). Die Furcht vor einer bevorstehenden Invasion Deutschlands schürte die Ängste und die Ressentiments der britischen Öffentlichkeit gegenüber den Deutschen innerhalb und außerhalb Großbritanniens verständlicherweise noch mehr. Dies hatte einen größeren Einfluss auf die im vereinigten Königreich bereits vor dem Krieg lebenden Deutschen und Österreicher, darunter viele flüchtige Juden, als auf die eigentlichen Kriegsgefangenen. Ein Anteil Ersterer wurden nämlich nun aufgrund von Befürchtungen einer Sabotage oder gar eines Angriffs von Innen heraus zusammen mit teilweise nationalsozialistischen Matrosen von NS-Handelsschiffen in Lager interniert. Wieso es eine schlechte Idee ist Seeleute, welche teilweise selbst Nazis waren oder den Nationalsozialismus unterstützten, und Juden zusammen in ein Lager zu sperren, muss wohl kaum hervorgehoben werden. Es genügt hier festzuhalten, dass es des Öfteren zu gewaltsamen Zusammenstößen beider Gruppen innerhalb der Lager kam (vgl. ebd., S. 28. ff.).

Diese Internierung von Deutschen und Österreichern, sowie von deutschen und österreichischen Juden, zeigt noch einmal besonders deutlich, wie sich das Bild des Feindes bereits in diesem relativ kurzem Zeitraum drastisch geändert hat. Vom Nationalsozialismus „verführten“, aber im Grunde genommen unschuldigen oder zumindest unverantwortlichen Mitmenschen zum Schreckensgespenst Europas und Großbritanniens (vgl. ebd.). Diese Paranoia, breitete sich natürlich auch auf das Thema der gefangenen Wehrmachtsangehörigen im vereinigten Königreich aus. Während diese in der Öffentlichkeit bisher nur eine relativ geringe Rolle gespielt hatten, wurden sie nun als akutes Sicherheitsrisiko wahrgenommen. Der größte Teil der sich im Land befindlichen Deutschen und Österreicher, egal ob Zivilisten oder Soldaten, sollten vom britischen Festland auf kleinere Inseln des britischen Archipels deportiert werden. Churchill rechtfertigte diese Überlegungen damit, die Internierten seien in den Lagern sicherer, als in der Öffentlichkeit, da die britische Bevölkerung im Falle eines deutschen Angriffes ihre Wut und ihre Frustration nicht an selbigen auslassen könnte. Letztendlich wurden die Gegangenen allerdings nicht auf Inseln, sondern in einen „als ‘protected area’ definierten Küstenabschnitt“ gebracht. Von dieser Maßnahme waren auch nicht alle Kriegsgefangenen und Zivilinternierten betroffen, sondern lediglich „die männlichen enemy aliens im Alter zwischen 16 und 60 Jahren“ (vgl. ebd., S. 33 ff.).

Als sich in Belgien und Frankreich schließlich auch eine alliierte Niederlage abzeichnete, wurden Stimmen in der Öffentlichkeit laut sowohl die Zivilinternierten als auch die Kriegsgefangenen komplett außer Landes zu bringen. Zunächst wurde noch darüber diskutiert, ob es ausreichend wäre, die Gegangenen und Internierten auf kleinere britische Inseln zu deportieren, wie bereits vorher schon einmal in Anbetracht gezogen wurden. Man kam allerdings relativ schnell zu dem Schluss, dass im Angesicht einer drohenden deutschen Invasion diese Maßnahme nicht mehr ausreichend sei, da Teile der britischen Regierung, darunter auch wieder Churchill, befürchteten, dass die Invasoren die gefangenen Deutschen und Österreicher mit per Flugzeug über den Lagern abgeworfenen Waffen befreien, und somit einen Angriff von innen bewirken könnten. Nach – aus britischer Sicht wahrscheinlich länger als gewünschten – Verhandlungen mit Kanada erklärten sich diese als Erste bereit, deutsche und österreichische Kriegsgefangene und Zivilinternierte aufzunehmen. Kurz darauf willigten auch Australien und Neufundland ein und Ende Juni 1940 wurde mit der Deportation begonnen. Ob diese einerseits gerechtfertigt und andererseits rechtens im Sinne der Genfer Konvention war wurde im Vorfeld nicht diskutiert. Nun war es allerdings so, das der Abtransport deutscher Kriegsgefangener durchaus als Verstoß gegen die Konvention ausgelegt werden konnte, nämlich dann, wenn die Gefangenen dabei unnötig Gefahr ausgesetzt werden. Man befürchtete im britischen Außenministerium auch, dass die deutsche Regierung mit Vergeltungsmaßnahmen der selben Art antworten und britische Kriegsgefangene in entlegenere Gebiete des nun zu großen Teilen von Deutschland und seinen Verbündeten besetzten Europas deportieren könnte. Wie gefährlich der Transport der Kriegsgefangenen und Internierten tatsächlich sein konnte stellte sich noch im selben Monat heraus, als eines der Transportschiffe, die Andorra Star, von deutschen U-Booten angegriffen und versenkt wurde. Die britische Regierung weigerte sich Verantwortung für diesen Vorfall zu übernehmen, da es generell nicht den „rules of warfare“ entspräche, „merchant ships“ anzugreifen. Die Regierung hatte allerdings versäumt das internationale Komitee des roten Kreuzes über diesen Transport zu informieren und so wusste auch der Kapitän des deutschen U-Bootes, welches das Transportschiff versenkt hatte, nichts über deren Passagiere (vgl. ebd., S. 36-45, S. 49-50).

Dieses Ereignis führte zum ersten Mal zu einer gewissen Skepsis innerhalb der britischen Bevölkerung bezüglich der Deportationen. Zu dieser Skepsis beigetragen hat auch ein Vorfall auf dem Transportschiff „Duchess of York“, bei welchem „ein deutscher Matrose der Handelsmarine“ erschossen und zwei weitere sich an Bord befindliche Internierte bzw. Gefangene verwundet wurden, weil diese und andere Personen das Deck nicht schnell genug geräumt hätten. Laut dem Bericht eines deutschen Offiziers an Bord wurde den zu Deportierenden lediglich einen Tag vor der Abreise mitgeteilt, dass sie an einen anderen Ort gebracht werden sollte, ohne dabei zu spezifizieren, wo dieser Ort sein soll. Darüber hinaus wurde ihnen mitgeteilt, die Reise solle nur „5 bis 6 Stunden dauern“, weswegen „weder Toilettenartikel noch Wäsche“ eingepackt wurden, auf welche die Deutschen und Österreicher an Bord dann ohnehin keinen Zugriff hatten. Bei diesem Transport waren auch wieder Flüchtlinge des Nazi-Regimes zusammen mit Nazis untergebracht, was wiederum zu „Reibereien“ führte (vgl. ebd., S. 36-47).

Die Vorfälle hatten langfristige Folgen für die Zivilinternierten. Die Öffentlichkeit, welche noch vor Kurzem die Zwangsinternierung und Deportation der deutschen und österreichischen Bevölkerung Großbritanniens gefordert hatte, ließ nun ihre Empörung über diese Maßnahmen verlauten. Als Konsequenz wurden viele der als weniger gefährlich eingestuften Zivilisten über die nächsten Monate freigelassen. An der Lage der Kriegsgefangenen sollten dies allerdings nichts ändern. Sie wurden zum allergrößten Teil weiterhin außer Landes gebracht (vgl. ebd., S. 51-52).

2.1.2 Das Prinzip der Gegenseitigkeit als bestimmender Faktor

Wie bereits kurz erwähnt wurde, befürchtete Großbritannien eine Reaktion Deutschlands auf die Deportationen. Diese Furcht war im gesamten Verlauf des Krieges einer der wichtigsten Faktoren für die Einhaltung der in der Genfer Konvention vorgeschriebenen Regelungen und Maßnahmen zur humanen Behandlung der Kriegsgefangenen das Prinzip der Gegenseitigkeit: Da der Gegner ebenfalls eigene gefangen genommene Soldaten in Gewahrsam hielt – im Falle Großbritanniens hatte Deutschland in den ersten Kriegsjahren auch eine unverhältnismäßig größere Anzahl an Gefangenen – müssten Kriegsgefangene des Gegners im eigenen Gewahrsam nach einem gemäß der Genfer Konvention festgelegten Mindestmaß so gut wie nötig behandelt werden, um Vergeltungsmaßnahmen des Gegners gegen die eigenen Streitkräfte in gegnerischen Gewahrsam zu verhindern bzw. diesen vorzubeugen, indem man dem Gegner so wenig Gründe wie möglich gibt, die eigenen Soldaten unterhalb dieses Mindestmaßes zu behandeln (vgl. Held 2007, S. 63). Mackenzie merkt an, dass es vor Allem in den späteren Kriegsjahren, als es vermehrt zu Bombenabwürfen seitens der Luftwaffe auf zivile Ziele kam, dieses Prinzip war, welches die deutschen Kriegsgefangenen vor Vergeltungsmaßnahmen britischer Seite schützte. Vor dem Hintergrund des Gegenseitigkeitsprinzips war es dann auch möglich mehrere Gefangenenaustausche zu organisieren (vgl. Mackenzie 1994, S. 491). Mackenzie zufolge ist es dieses Prinzip, mehr noch als die Genfer Konvention an sich und die Teilhabe an einer „commom humanity“, welche die Konvention mitunter verkörpert, was zur Einhaltung dieser Konvention über den größten Zeitraum des Krieges im Westen bestimmte (vgl. ebd., S. 518). Vor diesem Hintergrund macht dann auch die relativ gute Versorgung der Kriegsgefangen, welche im nächsten Abschnitt kurz dargestellt werden wird, durchaus Sinn.

2.1.2 Die Lebensumstände in den Lagern und die politische Einstellung der Gefangenen

Zuständig für die Verwaltung der deutschen Kriegsgefangen war zu Kriegsbeginn das Kriegsministerium unter Leslie Hore-Belisha, welches damit auch für die Unterbringung und Versorgung der Selbigen verantwortlich war. Wie bereits erwähnt wurden bereits die ersten 112 Gegangenen in zwei unterschiedliche Lager, jeweils eines für Offiziere und eines für die Mannschaften, unterteilt (vgl. Held 2007, S. 26 ff.).

Untergebracht waren der Großteil der Gefangenen in „Nissen huts“, welche Neufeld und Watson als „corrugated tin and wood structures“ beschrieben. In jeder Hütte wurden bis zu 80 Mann beherbergt, welche mit Betten, Tischen und Sitzbänken ausgestattet waren. Die Autoren merken an, dass den Gefangenen auch Freizeitaktivitäten wie „sports, cards, chess, English lessons and educational opportunities“ angeboten wurden (vgl. Neufeld & Watson 2013, S. 38).

Die deutschen Kriegsgefangenen trugen ihre Uniformen, wobei es hier aufgrund der „Textilknappheit des Landes“ des Öfteren zu Nachschubproblemen kam (vgl. Wolff 1974, S. 34). „Nazi Loyalists“ wurden von den anderen Gefangenen getrennt und durch eine schwarze Markierung an der Kleidung kenntlich gemacht (vgl. Neufeld & Watson 2013, S. 38). Die Versorgung mit Nahrungsmitteln entsprach zum größten Teil den in der Genfer Konvention geforderten Standards. Den gefangenen stand eine relativ große Auswahl an unterschiedlichen Speisen und Getränken zur Verfügung, darunter Brot, Fleisch, Käse, Kartoffeln, Kaffee, Tee und Milch. Dadurch wurden ungefähr 3300-3400 Kalorien pro Tag pro Mann abgedeckt. Auch die gesundheitliche Versorgung war laut dem Komitee des internationalen roten Kreuzes „stets zufriedenstellend“ (vgl. Wolff 1974, S. 36-39).

In den ersten Kriegsjahren wurden die deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen noch nicht als Arbeitskräfte im Land eingesetzt, obwohl dies gemäß den Bestimmungen der Genfer Konvention für die unteren Dienstgrade durchaus möglich war. Die einzige zu beachtende Limitierung hierbei war, dass die für die Gefangenen vorgesehene Arbeit weder „dangerous“ noch „humiliating, or directly related to military operations“ sein dürfe. Abgesehen vom offensichtlichen Nutzen, welche die jeweilige Gewahrsamsmacht dadurch aus ihren Gefangenen ziehen konnte, sollte die Arbeit auch die allgemeine psychische und physische Gesundheit der Selbigen fördern (vgl. Davis 1977, S. 626). Dass die deutschen Kriegsgefangenen jedenfalls in den ersten Kriegsjahren noch nicht als Arbeitskräfte eingesetzt worden waren lag zum Einen an mehreren praktischen Gründen. Erstens daran, dass es immer noch relativ wenige deutsche bzw. österreichische Gefangene insgesamt und durch die Deportation noch weniger in Großbritannien selbst gab, sodass der Nutzen den administrativen Aufwand möglicherweise gar nicht wett machen würde (vgl. Held, S. 2007, 55-57), und zweitens daran, dass es im Land Arbeitslose gab, welche zuerst beschäftigt werden sollen (vgl. Moore 1997, S. 119). Zum Anderen seien die Deutschen – im Gegensatz zu den Italienern, welche bereits relativ früh als Arbeitskräfte eingesetzt wurden – dem vereinigten Königreich „feindlich (‘hostile’) eingestellt“. Churchill ging sogar soweit die Italiener als „docile“ zu beschreiben, in starkem Kontrast gegenüber den „als ‘fanatische Nationalsozialisten’“ angesehenen Deutschen (vgl. Held 2007, S. 55-57). Moore begründet diese Sichtweise teilweise dadurch, dass die Italiener, anders als die Deutschen, niemals „seriously as ‘the enemy’ by large sections of the public“ angesehen wurde (vgl. Moore 2013, S. 753).

Diese Sichtweise der Deutschen als gefährlicher Gegner im Vergleich zu den fügsamen Italienern basierte zum Teil auf seit Beginn des Krieges geführten Verhören mit den Gefangenen, bei welchen deren Einstellung gegenüber Großbritannien ebenfalls wieder mit dem Wort „hostile“ beschrieben wurde. Im Kontrast hierzu stand der Bericht des Generalmajors Cyrus Brooks, welcher nach mehreren Verhören mit deutschen Wehrpflichtigen, sowie mit deutschen Zivilisten in britischem Gewahrsam, zu dem Schluss kam, dass es den Meisten hauptsächlich darum ging, so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren um wieder ein normales Leben aufzunehmen, selbst wenn dies eine Niederlage Deutschlands im Krieg voraussetzen würde. Angehörige der Luftwaffe, darunter wohl auch einige Nazis, glaubten dagegen an einen schnellen Sieg Deutschlands, auch wenn sie im Falle Großbritanniens auf einen baldigen Frieden hofften, da die Briten ein „Brudervolk“ seien, welches man nicht bekämpfen mochte. Insgesamt sei die Mehrheit der Gefangenen weder an der Politik, noch am Ausgang des Krieges großartig interessiert gewesen, auch wenn „die (so empfundenen) sozialpolitischen Errungenschaften des Nationalsozialismus“ viele zu Befürwortern der NSDAP machten. Da dieses allzu menschliche Bild der deutschen Soldaten nicht tauglich für die britische Propaganda des gefährlichen deutschen Feindes war, welcher „mit allen Mitteln bekämpft werden“ musste, wurde Cyrus’ Bericht über diese Verhöre allerdings nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht (vgl. Held 2007, S.60 f.).

Brooks schlussfolgerte aus seinen Verhören, dass die vom Nationalsozialismus überzeugten Gefangenen ihrerseits überzeugt werden müssten „daß er [der Gefangene an sich] nationalsozialistische Ideen und Parolen gedankenlos nachgebetet habe, ohne sie wirklich zu analysieren.“ (Smith 1997 Bonn, S. 21). Hierin sieht Smith erste Ansätze für ein Programm der Umerziehung, welches zu diesem frühen Zeitpunkt allerdings noch nicht umgesetzt wurde (vgl. ebd.). Diese Ansätze sollten allerdings im späteren Verlauf des Krieges, nach den ersten Erfolgen der westlichen Alliierten in Westeuropa und dem damit zusammenhängenden Anstieg der Kriegsgefangenenzahl, wieder aufgenommen werden, auf was später noch einmal zurückgekommen werden soll.

2.1.4 Erste Alliierte Erfolge in Nordafrika und die Fesselungskrise

Bis Ende 1941 war die Gesamtzahl deutscher Kriegsgefangener auf 7275 gestiegen (vgl. Held 2007, S. 53). Bis Ende 1942 hatte sich diese Zahl aufgrund der militärischen Erfolge in Nordafrika auf 25190 erhöht. Hiervon wurde der Großteil, wie schon zu Beginn des Krieges der Fall gewesen war, außerhalb Europas gebracht und nicht in Großbritannien selbst verwahrt. Ende 1943 steig diese Zahl auf insgesamt 34986 deutsche Kriegsgefangene in britischem Gewahrsam. Dieser relativ geringe Anstieg im Vergleich zu 1942 ist unter Anderem mit einer Abmachung zwischen Großbritannien und den USA zu erklären, welche sich dazu bereits erklärt hatten „150000 ‘British-owned Prisoners of War’“ aufzunehmen. Somit wurden die Meisten der in Afrika gemachten Gefangenen an die USA übergeben (vgl.Wolff 1974, S. 6 ff.).

Mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion und dem Kriegseintritts der USA in Folge des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor gegen Ende 1941 wendete sich das Kriegsglück langsam aber sicher gegen Nazi-Deutschland. Die Alliierten konnten nun vermehrt militärische Erfolge verzeichnen, welche vorher bis auf die Luftschlacht um Großbritannien größtenteils ausblieben. Die Häufung und Intensivierung von Konfrontationen zwischen den Kriegsparteien und der damit einhergehende Anstieg der Anzahl der Kriegsgefangenen führte allerdings auch zu einer Affäre, welche als „Fesselungskrise“ (Held 2007, S. 14) bekannt wurde. Diese Krise wurde herbeigeführt durch die Auffindung toter deutscher Soldaten mit gefesselten Händen nach einem Angriff britischer und kanadischer Truppen auf die von den Deutschen besetzte französische Hafenstadt Dieppe. Das Oberkommando der Wehrmacht und Hitler reagierten auf diese Entdeckung mit der Forderung, dass die Hände von deutschen Kriegsgefangenen in Zukunft nicht mehr gebunden werden durften. Würde diesem Ultimatum innerhalb eines Tages nicht zugestimmt werden, so würden die britischen Kriegsgefangenen, welche bei Dieppe von den Deutschen gemacht wurden, ebenfalls gefesselt werden. Churchill zufolge wurden die vorgefundenen Gefangenen bei einem Fluchtversuch erschossen, was als Grund auszureichen schien das britische „War Cabinet“ davon zu überzeugen, nicht auf das deutsche Ultimatum einzugehen und stattdessen ein eigenes Ultimatum zu stellen. Sollte Deutschland britischen Kriegsgefangenen Fesseln anlegen, so würde Großbritannien die selbe Anzahl deutscher Kriegsgefangener fesseln. Dieser diplomatische Austausch spielte sich am siebten und achten Oktober 1942 ab. Bis zum zehnten Oktober befanden sich insgesamt (nicht jeweils) 5500 deutsche und britische Soldaten in Fesseln. Die Situation eskalierte jedoch nicht weiter, da beide Seiten zu realisieren begannen, dass weitere Vergeltungsmaßnahmen nur weitere Reaktionen des Gegenübers provozieren würden, und bis Anfang 1943 war die Lage weitestgehend entschärft (vgl. Mackenzie 1994, S. 491 f.).

Bis auf diese dramatische Episode veränderte sich von 1939 bis 1944 nicht viel in der Behandlung der Kriegsgefangenen. Wie bereits zu Beginn des Krieges wurden die meisten Gefangenen ins Ausland deportiert. Dies sollte sich mit der Landung alliierter Truppen in Nordfrankreich, im englischsprachigen Raum bekannt unter dem Begriff „D-Day“, ändern.

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