Deutsche Kriegsgefangene in Großbritannien 1939-48

2.2 D-Day bis zur Kapitulation (1944-45)

Wolff zufolge befanden sich Ende Juli 1944 insgesamt 55 235 Gefangene und Ende Dezember des selben Jahres bis zu 270 561 in britischem Gewahrsam. Bis Juli 1945 verdoppelte sich diese Zahl fast auf 574 062, bevor Sie in den nächsten Monaten und Jahren langsam aber stetig bis zum Juni 1948, in welchem Monat die letzten Deutschen repatriiert wurden, abfiel. Nicht in dieser Rechnung mit inbegriffen sind deutsche Soldaten, welche nach der Kapitulation Deutschlands in britische Gefangenschaft gerieten, da diese von den USA und Großbritannien nicht als Kriegsgefangene im Sinne der Genfer Konvention angesehen wurden. Diese Männer wurden als „’Surrendered Enemy Personnel (SEP)’ von den Briten bzw. ‘Disarmed Enemy Forces (DEF)’“ von den Amerikanern bezeichnet und ihrer gab es im Western insgesamt etwa 4 Millionen, verteilt hauptsächlich auf die beiden großen westlichen Siegermächte. Da diese außerordentlich große Menge an Gefangenen es schwer, wenn nicht sogar unmöglich, machte, eine Versorgung und Behandlung gemäß den Regelungen der Genfer Konvention zu gewährleisten, wurden den kapitulierten Streitkräften Deutschlands der Kriegsgefangenenstatus versagt. Außerdem hatten die Alliierten nun keine Vergeltung bei niedrigeren Standards bzgl. der Behandlung der ehemaligen deutschen Wehrmachtsangehörigen gegen ihre eigenen Gefangenen von deutscher Seite mehr zu befürchten, da diese nun alle befreit worden waren. Das internationale rote Kreuz protestierte, mitunter auch unter zuhilfenahme juristischer Mittel, vehement gegen diesen Sonderstatus, welche diesen Kriegsgefangenen ihre durch die Genfer Konvention zustehenden Rechte zumindest zum Teil absprach, allerdings ohne Erfolg. Trotz ihres neuen Status sollten die Gefangen generell „as humanly as possible“ behandelt worden sein. Werden diese SEPs in die Rechnung mit einbezogen, so belief sich die Gesamtzahl an deutschen Gefangenen in britischem Gewahrsam auf ungefähr 2 788 000 (vgl. Wolff 1974, S. 11 ff.). Laut Mackenzie wurden die Bedingungen, unter welchen diese Gefangenen von den Alliierten behandelt wurden, verändert „when and where it was deemed necessary.“ (Mackenzie 1994, S. 502). Als Resultat hieraus mussten die SEPs teilweise „extremely harsh conditions“ erdulden, was dazu beitrug, dass nicht ausreichend Aufwand für die Versorgung der deutschen Gefangenen betrieben wurde, was letztendlich zum Tod zehntausender durch Hunger und Krankheit führte. Mackenzie geht davon aus, dass hierbei auch „self-interest and a desire for retribution“ eine Rolle spielten und illustriert dies an dem Beispiel, dass auch offensichtlich zu stark erkrankte SEPs zur Arbeit am Wiederaufbau ehemals besetzter Gebiete gezwungen wurden, was manchen das Leben kostete (vgl. ebd., S. 503).

Für die ungefähr 570 000 deutschen Kriegsgefangenen, welche nach der Beendigung des Krieges in Großbritannien verblieben und nicht, wie ein Großteil der SEPs, ins Ausland verschifft wurden, veränderte sich zunächst nichts grundsätzliches in deren Behandlung, welche immer noch größtenteils den Regelungen der Genfer Konvention entsprach. Allerdings hatten Deutschland und Großbritannien überdies im Laufe des Krieges mehrere „ergänzende bzw. modifizierende Abkommen“ zur verbesserten Behandlung ihrer Kriegsgefangenen getroffen, darunter auch die Erlaubnis des Postverkehrs in die Heimat. Allgemein war die Versorgung den Umständen entsprechend gut und die meisten Kriegsgefangenen konnten bis 1948 „gesund und arbeitsfähig“ in die Heimat zurückkehren. Einzig zu bemängeln seitens des internationalen Komitees des roten Kreuzes war die Unterbringung deutscher Kriegsgefangener in Zelten, mitunter auch in den Wintermonaten. Diese Art der Unterkunft wurde jedoch schnellstmöglich durch Baracken ersetzt (vgl. Wolff 1974, S. 31 ff.).

Aufgrund der großen Zahl der Gefangenen, welche gegen Ende des Krieges nach Großbritannien kamen, verstärkte sich das bereits vorher erwähnte Problem der Textilknappheit. Mitunter verfügte nur ein Bruchteil der gefangen Genommenen über annähernd vollständige Uniformen, welche sie tragen konnten. Aus diesem Grund wurden braun gefärbte Uniformen, welche mit einem oder mehreren Erkennungsmerkmalen versehen waren, an die Gefangenen ausgeteilt, welche diese allerdings „mitunter […] als diskriminierend empfunden“ haben. Einige der Gefangenen brachten eigene Kleidungsstücke, welche sie sich in amerikanischen Kriegsgefangenenlagern mit ihren Arbeiterlöhnen zugelegt hatten, mit nach Großbritannien. Dort mussten diese allerdings aufgrund von fehlender Kommunikation zwischen den USA und dem vereinigten Königreich abgegeben werden, da den Briten nicht mitgeteilt wurde, dass es sich dabei um Privateigentum handelt (vgl. ebd., S. 35 f.).

Was die Nahrungsmittelsituation anbelangt mussten die Kalorien für die Kriegsgefangenen aufgrund der „Ernährungskrise […] weltweit“ nun teils drastisch gekürzt werden: „2800 für arbeitende Kriegsgefangene [und] 2000 für nichtarbeitende Kriegsgefangene“, also ein Unterschied von 1300-1400 Kalorien für Letztere, welcher bei einigen Gefangenen zu Gewichtsverlusten führte. Gegen Ende November 1945 bestanden zwei der drei am Tag erhaltenen Mahlzeiten hauptsächlich aus Brot mit entweder Marmelade oder Käse. Dies waren im Vergleich zur britischen Besatzungszone innerhalb Deutschlands allerdings immer noch üppige Verhältnisse. Hier waren lediglich 1200 bis 1500 Kalorien pro Tag vorgesehen. Insgesamt bewerteten die Gefangenen die allgemeine Lebensmittelsituation als gut oder zumindest ausreichend (vgl. ebd., S. 37 ff.).

2.2.1 Kriegsgefangene als Arbeitskräfte

Während die deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen in den ersten Jahren des Konflikts noch nicht als Arbeitskräfte eingesetzt wurden, wie bereits in Kapitel 2.1 dargestellt worden ist, setzte Großbritannien gegen Ende des Krieges vermehrt auf die nun rapide ansteigenden Kriegsgefangenen zur Unterstützung der eigenen Wirtschaft. Die Gefangenen wurden hierbei hauptsächlich in drei Sektoren beschäftigt: Entweder direkt im „service“ des Militärs, oder aber in der Landwirtschaft oder Industrie. In ersterem Fall sind wohl überwiegend anfallende Arbeiten im eigenen Kriegsgefangenenlager gemeint, für welche die Gefangenen nicht entlohnt werden mussten. Für andere Arbeiten für das Militär musste den arbeitenden Kriegsgefangenen so viel bezahlt werden, wie den eigenen Soldaten in der selben Rolle. Alternativ konnte auch ein Gehalt mit der gegnerischen Seite für diese Arbeiter ausgehandelt werden (vgl. Davis 1977, S. 626 f.). Für die Arbeit in der Landwirtschaft oder in der Industrie wurden Gehälter auf Vertragsbasis von den Verantwortlichen der Kriegsgefangenenlager mit den potentiellen Arbeitgebern ausgehandelt. Diese Gehälter sollten sich idealerweise im Rahmen des lokal üblichen Standardgehalts für die jeweilige Arbeit bewegen. Der Großteil des Gehalts selbst wurde den Gefangenen in der Regel nicht direkt ausgezahlt, sondern entweder für das „gemeinsame Wohlergehen“ („common welfare“) des Lagers oder für die zukünftige Entlassung des Gefangenen zurück gehalten. Den Teil des Gehalts, welcher den Gefangenen zustand, erhielten sie zumeist in einer Form von „Lager-Währung“, welche nur in der Kantine des Lagers genutzt werden konnte (vgl. ebd., S. 628). Bis März 1945 wurden insgesamt 66 500 deutsche Kriegsgefangene als Arbeitskräfte in Großbritannien eingesetzt (vgl. Moore 1997, S. 118), nachdem am 12ten Juli 1944 beschlossen wurde, nun neben Italienern auch Deutsche zu beschäftigen. Dieser Sinneswandel war zumindest teilweise durch den Seitenwechsel Italiens zu den Alliierten und in diesem Zusammenhang durch das Abebben des Zuflusses italienischer Kriegsgefangen motiviert. Trotz dieser Veränderung im Umgang Großbritanniens mit ihren deutschen Kriegsgefangenen stellten die Beschäftigen immer noch nur einen Bruchteil der Gesamtzahl der Gefangenen dar. So waren im November 1944 immer noch ca. 100 000 deutsche Kriegsgefangene unbeschäftigt (vgl. ebd., S. 132-135). Dies sollte sich in den nächsten Monaten und Jahren allerdings drastisch ändern, und die gefangenen Deutschen würden zu einem wichtigen und teilweise auch notwendigen Bestandteil der britischen Nachkriegswirtschaft werden, wie im Folgenden Kapitel aufgezeigt werden wird.

2.3 Nach Kriegsende (1945-48)

Das in Kapitel 2.2 bereits kurz erwähnte Fraternisierungsverbot wurde im Dezember 1946 aufgehoben, was hieß, dass Deutsche Kriegsgefangene nun britische Zivilisten besuchen und sich allgemein viel freier um das Lager herum in einem 5-Meilen-Radius bewegen durften. Sogar das Auto-Fahren wurde nun erlaubt. Im Laufe des Jahres 1947 wurde den Gefangenen noch mehr Freiheiten zugestanden, wie z.B. der Besuch lokaler „Kinos, Geschäfte oder Restaurants“. Dies gipfelte im Juli 1947 in der „Erlaubnis, britische Mädchen zu heiraten“. Spätestens seit 1946 kam es scheinbar vermehrt zu geheimen Beziehungen zwischen einheimischen Frauen und deutschen Kriegsgefangen. Durch die zunehmenden Freiheiten der Deutschen innerhalb Großbritanniens wurde es zunehmend schwerer, diese zu unterbinden, was auch mit zur Lockerung des Fraternisierungsverbotes und schließlich seiner kompletten Aufhebung beitrug. Insgesamt gab es im Anschluss darauf 796 Heiraten zwischen britischen Frauen und deutschen Kriegsgefangenen (vgl. vgl. Wolff 1974, S. 42).

Diese Entwicklung schien auch zu einem großen Teil von der Öffentlichkeit unterstützt zu werden. So gaben britische Mädchen und Frauen zu, dass sie freiwillig Kontakt mit den Gefangenen hatten, unter Anderem sogar vor Gericht, was in der Regel eine, wenn auch sehr milde, Strafe in Form eines Bußgeldes in Höhe von ein Paar Pfund nach sich ziehen konnte. Auch in der Presse wurden diese Akte der Verbrüderung, wie diese Beziehungen zwischen deutschen Männern und britischen Frauen ironischerweise bezeichnet wurden, nicht verachtet sondern als Zeichen der Menschlichkeit und des Mitleids („pity“) gesehen (vgl. Moore 2013, S. 755 f.). Obwohl sich das Bild der Deutschen also generell zu bessern schien, so musste zumindest eine Britin, welche in einer romantischen Beziehung zu einem Kriegsgefangenen stand, mit der Diskriminierung ihrer Landsleute aufgrund dieser Beziehung kämpfen. Dies ging von verbalen Attacken bis hin zu „being punched and spat at in the streets“ (ebd., S. 758).

Trotz dieser allgemein guten Zustände kämpften viele der Gefangenen, mitunter auch aufgrund der besonders langen Gefangenschaft, mit eigenen Problemen geistiger Natur. Hier werden „Hoffnungslosigkeit, Depressionen, Selbstmorde und Versuche dazu“ genannt (vgl. ebd. S. 44 f.). Diese psychischen Probleme wurden mitunter auch unter dem Begriff „barbed wire disease“ zusammengefasst, zusammen mit Symptomen wie „the feeling of homesickness, isolation, and loss of freedom, and more serious symptoms such as intense irritability, moodiness, depression, and even paranoia” (Hellen 2008, S. 42). Besonders betroffen waren ältere Gefangene, bei welchen diese Symptome das Risiko psychotischer und psychologischer Erkrankungen verstärke (vgl. ebd.). Peter Steinbachs Charakterisierung der Kriegsgefangenschaft als „die Erfahrung der Leere, des Versagens, der Unsicherheit, der Raum- und Zeitlosigkeit.“ (Steinbach 1997, S. 278) fasst diese negativen Aspekte der Gefangenschaft treffend zusammen.

Die liberalere Behandlung der Kriegsgefangenen war auch durch bedingt durch deren intensiveren Einsatz als Arbeitskräfte in Großbritannien, worauf im Folgenden näher eingegangen werden soll.

2.3.1. Der intensivierte Arbeitseinsatz

Obwohl Kriegsgefangene zufolge den Bestimmungen der Genfer Konvention nach Beendigung eines Konflikts so schnell wie möglich in ihr Heimatland zurückgebracht werden sollten, war das im Falle der deutschen Kriegsgefangenen in den Händen der Alliierten nicht der Fall, da nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands kein Friedensvertrag geschlossen wurde, welcher die Feindseligkeiten formal beendet hätte. Aus diesen und anderen Gründen hatten die Alliierten beschlossen, die Kriegsgefangenen bis spätestens Dezember 1948 in Gewahrsam zu behalten, bevor die letzten Deutschen repatriiert werden sollten. Wie bereits dargestellt worden sit, wurden die deutschen Wehrmachtsangehörigen in britischer Gefangenschaft seit 1944 auch als Arbeitskräfte innerhalb Großbritanniens eingesetzt, was sicherlich auch zu der Entscheidung die Kriegsgefangenen länger in Gewahrsam zu behalten, beitrug. Mit dem Fortschreiten des Krieges und der Kapitulation Deutschlands und dem damit einhergehenden exponentiellen Anstieg an Kriegsgefangenen wuchs auch der Anteil der arbeitenden Gefangenen, bis zu einem Höhepunkt von 380 000 beschäftigten Deutschen in Großbritannien. Dies war vor allem in der Landwirtschaft spürbar, in welcher die Kriegsgefangenen ein Fünftel der gesamten Arbeitskraft ausmachten. Insgesamt waren zwischen ein bis 2 Prozent der gesamten „labour force“ Großbritanniens in diesen Jahren Kriegsgefangene, und davon wiederum der größte Teil Deutsche, da die Mehrheit italienischer Gefangener bereits repatriiert worden war. In den Jahren 1946 und 1947 trugen die Gefangenen insgesamt ein Prozent zum Bruttoinlandprodukt Großbritanniens bei (vgl. Custodis 2012, S. 243-46). Neben der Landwirtschaft wurden die Kriegsgefangenen auch in „British buldings and civil engineering“ eingesetzt, wo sie bis zu 2% der Gesamtproduktion beitrugen (vgl. ebd., S. 262).

Während die Kriegsgefangenen tagsüber auf den Bauernhöfen arbeiteten, mussten die Meisten von ihnen nachts in ihr jeweiliges Lager zurückkehren. Eine Ausnahme bildeten diejenigen, welche aufgrund von „good behaviour“ in sogenannten „hostels“, d.h. „guarded houses near employment sites“ oder auch auf den Höfen selbst übernachten durften. Diese Art der Unterbringung wurde mit der Zeit sogar aus pragmatischen Gründen bevorzugt “because it saved the costs of guarding, transportation and food, shifted responsibility to the farmer, and increased net working time” (ebd., S. 251), auch wenn es, was die deutschen Kriegsgefangenen anging, zunächst Sicherheitsbedenken gab. Das Bild der gefährlichen Deutschen im Vergleich zu den harmlosen Italienern war offensichtlich noch immer fest im Denken der britischen Politik verankert. Doch nach mehreren „experiments“ wurden auch ehemalige Wehrmachtsangehörige in Hostels und auf Bauernhöfen untergebracht, was mitunter auch zu einer Änderung des Image der deutschen Kriegsgefangenen in der Öffentlichkeit – zumindest dem Teil der Öffentlichkeit, mit dem sie zusammen arbeiteten, also den Bauern selbst und den im Umfeld des Hofes lebenden Dorfbewohnern – und sogar zu Freundschaften zwischen ehemaligen deutschen Soldaten und britischen Zivilisten führte. Custodis zufolge kam dieser Sinneswandel was die Unterbringung der Deutschen betrifft allerdings nicht aufgrund einer Änderung in der Wahrnehmung der Selbigen als Sicherheitsrisiko, sondern viel mehr weil die Unterbringung in Lagern und die Bewachung arbeitender Kriegsgefangener ökonomisch nicht mehr tragbar war (vgl. ebd., S. 251-254).

Was die Arbeit selbst angeht wurden die Deutschen generell als produktiver und effizienter als die Italiener angesehen, zumindest wurde diese Sichtweise sowohl in der Öffentlichkeit in Form der Presse, als auch in der Politik geäußert. Dies sei allerdings nur der Fall, wenn Sie entsprechend unter Beobachtung standen und klare Instruktionen erhalten hatten. Eine Untersuchung der Arbeitszeiten von Italienern und Deutschen kam zum selben Ergebnis, dass die deutschen Kriegsgefangenen generell mehr arbeiteten. (vgl. ebd., S. 255 f.)

Zusammengefasst war die Mitarbeit der deutschen Kriegsgefangenen in den letzten Monaten des Krieges sowie in den Jahren danach signifikant, vor allem in der Landwirtschaft (vgl. ebd., S. 265).

Während die Kriegsgefangenen in Großbritannien mithalfen, die britische Wirtschaft wieder anzukurbeln, machte sich die britische Regierung auch Gedanken darüber, wie Deutschland in Zukunft als demokratischer Staat wieder aufgebaut werden konnte. Zu diesem Zweck wurde ein Programm zur Umerziehung ausgewählter Kriegsgefangener ins Leben gerufen, welches im nächsten Abschnitt behandelt werden wird.

2.3.2 Die Umerziehung deutscher Soldaten in Wilton Park

Spätestens seit dem im vorangegangen erwähnten Bericht von Cyrus Brooks gab es in Großbritannien Überlegungen, wie deutsche Soldaten vom Nationalsozialismus weg und hin zu demokratischen Werten geführt werden konnten. Da die Zahl der Kriegsgefangenen zu diesem Zeitpunkt allerdings noch recht überschaubar und der Ausgang des Konfliktes ungewiss war, wurde dieser Ansatz fürs Erste nicht weiter verfolgt. Spätestens ab 1944 änderte sich diese Einstellung allerdings mit dem rapiden Anstieg der Anzahl an Kriegsgefangenen und man begann an einem Programm zur Umerziehung der Selbigen zu arbeiten. Geleitet werden sollte dieses Programm ausgerechnet von einem Preußen, Heinz Köppler, welcher 1933 aufgrund des Studiums mittelalterlicher Geschichte nach Großbritannien ausgewandert war. Scheinbar hatte auch ein Anteil der Kriegsgefangenen selbst Interesse daran, „bei der Befreiung Deutschlands von den Nazis mitzuhelfen“, was ein guter Indikator dafür war, dass es unter den Gefangenen durchaus Individuen gab, welche für ein solches Programm der Umerziehung empfänglich wären. Zu diesem Zweck sollten „Bekannte Nazis […] von den anderen Gefangenen isoliert werden“, da Versuche zur Umerziehung als Zeitverschwendung angesehen wurden, solange dieser starke nationalsozialistische Einfluss in den Lagern bestand. Interessanterweise wurde die „Umerziehung lediglich als ein Auftakt zum allgemeinen Umgang mit dem deutschen Volke nach Hitlers Niederlage gesehen.“, d.h., dass auch zumindest eine Art von politischer Umerziehung für das deutsche Volk im Allgemeinen vorgesehen war. (vgl. Smith 1997, S. 43-48).

Dieses Programm zur Umerziehung begann 1946 in einer eigens hierfür in Wilton Park von Köppler und seinem Team eingerichteten Schule Fahrt aufzunehmen (vgl. ebd., S. 166). Dort sollten einige tausend ausgewählte deutsche Kriegsgefangene mit den Verbrechen der Nazis konfrontiert werden und diese auch in einen größeren Kontext der deutschen Geschichte bis dahin setzen. Das Ziel war, aus diesen Ex-Soldaten demokratische Bürger zu machen, welche beim Wiederaufbau Deutschlands im Sinne der Westmächte helfen sollten. Obwohl diese wenigen Auserwählten, im Gegensatz zu ihren Kameraden, nicht arbeiten mussten, so wäre es ihnen doch lieber gewesen, hätte man sie statt des Unterrichts in die Heimat geschickt. Dieses Bedürfnis wurde noch verstärkt durch Briefe aus Deutschland, welche von den immer schlechter werdenden Lebensumständen berichteten, welche auch Schuldgefühle bei den Gefangenen hervorriefen, da es ihnen selbst vergleichsweise gut ging. Diese Umstände machten es schwer sich auf den Unterricht zu konzentrieren (vgl. ebd., S. 151-54).

Ausgewählt für das Umerziehungsprogramm wurden die Gefangenen mehr aufgrund persönlicher Charaktereigenschaften wie z.B. Einfühlungsvermögen als auf politischer Einstellung. Dies wird deutlich an der Beurteilung eines deutschen Kriegsgefangenen als „politisch naiv, hat aber die richtige Einstellung“. Benotet wurde dieser Gefangene mit einem A, also sehr gut für die Umerziehung geeignet. Ebenfalls mitbestimmend bei der Auswahl der Kursteilnehmer waren deren Alter, da ältere Männer weniger enthusiastisch schienen, und deren Bildungshintergrund, da weniger gebildete Gefangene mitunter nicht mit dem relativ anspruchsvollen Unterrichtsmaterial mithalten konnten (vgl. ebd., S. 156-160).

Später wurden dann auch Studenten aus Deutschland nach Wilton Park geholt, um dort zusammen mit den Kriegsgefangenen zu lernen. Für die Gefangenen war dies die erste Konfrontation mit Menschen aus der Heimat seit sie in britische Gefangenschaft geraten waren. Diese Begegnungen weckten allerdings Gefühle der Missbilligung auf beiden Seiten: Die Kriegsgefangenen waren neidisch, dass die deutschen Zivilisten nach Abschluss des Kurses nach Hause zurückkehren durften, während die Zivilisten in der Heimat nach Ende des Krieges „Hunger, Kälte und Obdachlosigkeit erfahren“ hatten, während die Gefangenen in relativen „Luxus“ gelebt hätten (vgl. ebd., S.161 f.).

Neben der Geschichte wurden auch die „Landeskunde Großbritanniens“ und „internationale Beziehungen“ gelehrt. Daneben gab es auch eigene Vorlesungen zu geschichtlichen Themen, wie der Weimarer Republik und dem dritten Reich, aber auch zu aktuellen politischen Ereignissen, wie den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen und „vergleichende Darstellung der Demokratien“ (vgl. ebd. S. 165).

Die Umerziehung in Wilton Park wurde von den Gefangenen größtenteils positiv bewertet. Vor Allem Dr. Köppler wurde hoch gelobt und als „große Inspiration“ angesehen. Ein Gefangener ging sogar so weit zu sagen, er sei in Wilton Park wieder Mensch geworden. Allerdings gab es auch negative Stimmen, welche die Schule als „Traumfabrik“ bezeichneten oder die Lehrer sogar indirekt als Kommunisten bezeichneten (vgl. ebd., S. 167 f.).

Insgesamt ist es schwer zu beurteilen, wie effektiv dieses Programm tatsächlich war. Die Absolventen wurden nach Kursabschluss zurück in ihr Lager geschickt, wobei darauf gehofft wurde, dass sie das gelernte weiter an ihre Kameraden geben, und diese so positiv beeinflussten. Smith urteilt, dass aus einigen Lagerberichten hervorgeht, dass dies zumindest bedingt tatsächlich der Fall gewesen ist. Als Beispiel hierfür wird unter Anderen ein Absolvent genannt, welcher „einen Kurs in politischen Wissenschaften“ mit 21 Mitgefangenen durchführte. Mit der Zeit schien das Programm allerdings weniger effektiv zu werden. Dies lag vor Allem daran, dass die am Besten geeignetsten Kandidaten die Kurse in Wilton Park schon durchlaufen hatten und nun weniger geeignete, d.h. Gefangene mit einem niedrigeren Bildungsniveau, ältere Gefangene oder politisch problematischere Gefangene unterrichtet wurden, welcher für die Umerziehung weniger empfänglich waren. (vgl. ebd., S. 169 f.)

Eine der Methoden des Umerziehungsprogramms bestand in der Schaffung eines neuen Zusammengehörigkeitsgefühls, welches das Gruppenzugehörigkeitsgefühl des Nationalsozialismus ersetzen sollte. Köppler war hierin allerdings so erfolgreich, das ein „britischer Besucher“ von Wilton Park den Eindruck hatte, dass dadurch ein neues „Elitedenken“ unter den Gefangenen entstehen würde, was das Alte lediglich ersetze.

3 Zusammenfassung und Fazit

Ziel dieser Untersuchung war es, einen möglichst vollständigen Überblick über die Erfahrungen deutscher Kriegsgefangener in Großbritannien während des zweiten Weltkrieges zu geben, wobei von Anfang an klar war, dass eine Arbeit dieses Umfangs niemals alle Aspekte dieses Themas abdecken konnte. Aus diesem Grund beschränkte sich der Autor auf die wichtigsten Ereignisse und Entwicklungen der Kriegsgefangenschaft, angefangen mit den durch die Invasionsangst bewirkten Deportationen deutscher Gefangener entgegen den Bestimmungen der Genfer Konvention, über dramatische Eskalationen wie die Fesselungskrise, bis hin zum pragmatischen Einsatz deutscher Wehrmachtsangehöriger als Arbeitskräfte und deren Umerziehung im Sinne des demokratischen Westens. Unter diesen Erfahrungen hatten der Arbeitseinsatz sowie die Umerziehung den wohl größten Einfluss auf diejenigen Kriegsgefangenen, welche nicht außerhalb Großbritanniens gebracht wurden.

Trotz gelegentlicher Verstöße gegen die Genfer Konvention starben bis Anfang 1947 in Großbritannien aufgrund der generell guten Versorgung Kriegsgefangener lediglich 1254 deutsche Kriegsgefangene (vgl. Wolff 1974, S. 40). Insgesamt „wurden während des Krieges 404 Fluchtversuche unternommen, danach weitere 1777“ (vgl. Wolff 1974, S. 41). Diese relativ geringe Anzahl an Todesfällen und Fluchtversuchen steht stellvertretend für den generell guten Umgang mit den Kriegsgefangenen.

Selbstverständlich gab es auch Ausnahmen von der Regel, wie z.B. im Falle der Deportationen und der Fesselungskrise. Manche Probleme rührten jedoch nicht von der Gewahrsamsmacht, sondern von den Gefangenen selbst her, wie der geplante Ausbruch einer Gruppe von Nazis im Jahr 1944, welche Waffen und Panzer stehlen und London angreifen wollten, deutlich zeigt. Dieser Plan wurde letztendlich durch einen Mitgefangenen vereitelt, welcher sie verriet. Als Reaktion darauf wurde er von den selben Nazis zu Tode geprügelt, von welchem wiederum fünf für diesen brutalen Mord erhängt wurden (vgl. Neufeldt & Watson 2013, S. 38). Dieses Beispiel zeugt deutlich die Spannungen, welche teilweise in den Lagern herrschten. Laut Steinbach waren ungefähr 10 Prozent der Gefangenen selbst überzeugte Nazis, mit weiteren 30 Prozent welche er als „Kreis der engeren Gefolgsleute“ beschreibt. Maximal 10 Prozent seien Gegner des Regimes und beim Rest handle es sich um Mitläufer, welche sich von beiden Seiten beeinflussen ließen (vgl. Steinbach, S. 280). Das Ziel von Heinz Köpplers Umerziehung war es nun, diese Mitläufer mithilfe von speziell ausgewählten Kandidaten, darunter mit Sicherheit auch viele dieser Regimegegner, von der westlichen Demokratie zu überzeugen. Dies sollte allerdings nicht durch Gehirnwäsche stattfinden, sondern durch Unterricht auf hohem Niveau und durch anregende Diskussionen der Deutschen untereinander (vgl. Smith 1997, S. 164 f.), was auch zu mäßigen Erfolgen geführt zu haben scheint.

Ein weiterer Punkt der Untersuchung war der Einfluss des Krieges auf das Leben der Kriegsgefangenen. Bob Moore zufolge beeinflusste das Kriegsgeschehen ausschlaggebend die Wahrnehmung und dadurch indirekt auch die Behandlung deutscher und italienischer Kriegsgefangener und deren Einsatz als Arbeitskräfte. Während die Deutschen zu Beginn des Krieges als zu gefährlich für den Einsatz in der britischen Wirtschaft angesehen wurden, so müssten diese spätestens seit dem Übertritt Italiens auf Seiten der Alliierten die italienischen Kriegsgefangenen als Arbeitskräfte ersetzen. Dies bedeutet nicht zwingend, dass deutsche Gefangene nun als weniger gefährlich wahrgenommen wurden, sondern war viel mehr eine Notwendigkeit im Angesicht der durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogenen britischen Wirtschaft. Es war der Einsatz der Kriegsgefangenen als Arbeitskräfte selbst und der dadurch gezogene Nutzen für Großbritannien, welcher das Bild der fanatischen Wehrmachtsangehörigen langsam veränderte (vgl. Moore 1997, S. 136).

Auch in anderen Aspekten lässt sich dieser Einfluss deutlich nachvollziehen. Während die Deutschen zu Beginn des Krieges als naiv und von Hitler verführt dargestellt und klar von den Nazis unterschieden wurden, änderte sich ihr Bild dramatisch mit den britischen Niederlagen auf dem europäischen Festland und der drohenden Invasion. Nun war der Deutsche, und damit auch und vor Allem der deutsche Kriegsgefangene als Soldat, ein gefährlicher Gegner, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt. Als die Zahl der Kriegsgefangenen stieg und diese dann letztendlich als Arbeiter in der britischen Wirtschaft eingesetzt wurden kam die britische Öffentlichkeit zum ersten Mal – trotz des Fraternisierungsverbotes – Angesicht zu Angesicht in Kontakt mit den Kriegsgefangenen. Und es scheint, dass sich das Bild der Deutschen hiermit auch zu verändern schien. Moore fasst diese Entwicklung folgendermaßen zusammen: „Over time, an amorphous and demonized enemy was replaced in the public mind by individuals who, for the most part, turned out to be very much like their own fathers, sons and brothers.” (Moore 2013, S. 759). Sogar aus der Presse jener Zeit lässt sich ein relativ hohes Maß an Mitgefühl herauslesen, wenn Kriegsgefangene sarkastisch als „Friedensgefangene“ bezeichneten und deren Arbeitseinsatz als „Sklavenarbeit“ verurteilt wurde (vgl. Smith 1997, S. 162).

Zusammenfassend muss festgehalten werden, dass die Erfahrungen der Kriegsgefangenen stark vom Verlauf des Krieges selbst und damit verbunden mit dem Bild der Deutschen in der Politik und Öffentlichkeit zusammenhingen. Generell wurden die deutschen Kriegsgefangenen in Großbritannien gut bis sehr gut behandelt, auch wenn die Motivation hierfür bis 1945 hauptsächlich das Prinzip der Gegenseitigkeit gewesen sein dürfte, wie die Behandlung der SEPs, auf welche nicht allzu detailliert eingegangen werden konnte, zeigt. Der Einfluss, welcher die Kriegsgefangenschaft in britischen Gewahrsam auf das zukünftige Leben der Gefangenen nach ihrer Repatriierung hatte, ist schwer zu ermitteln, doch zumindest einige der Absolventen von Wilton Park erinnerten sich noch viele Jahre nach ihrer Entlassung in die Heimat an die in Großbritannien gemachten Erfahrungen. Auch wenn diese nicht durchweg als positiv wahrgenommen wurden, so waren sich die Heimkehrer einig, dass ihre Behandlung im Großen und Ganzen fair gewesen war (vgl. ebd., S. 168). Und wie gezeigt wurde fanden einige der ehemaligen Gefangenen sogar die Liebe und begannen ein neues Leben auf der anderen Seite des Ärmelkanals in dem Land, dass sie selbst Jahrelang gefangen gehalten hatte.

Literaturverzeichnis:

  • Custodis, Johann: Employing the enemy: the contribution of German and Italian Prisoners of War to British agriculture during and after the Second World War. In: The Agricultural History Review , 2012, Vol. 60, No. 2 (2012), pp. 243-265.
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  • Held, Renate: Kriegsgefangenschaft in Großbritannien. Deutsche Soldaten des zweiten Weltkriegs in britischem Gewahrsam. Hrsg.: Gestrich, Andreas. München 2008.
  • Mackenzie, S.P.: The Treatment of Prisoners of War in World War II. In: The Journal of Modern History , Sep., 1994, Vol. 66, No. 3 (Sep., 1994), pp. 487- 520.
  • Moore, Bob: Illicit Encounters: Female Civilian Fraternization with Axis Prisoners of War in Second World War Britain. Journal of Contemporary History , October 2013, Vol. 48, No. 4 (October 2013), pp. 742-760.
  • Moore, Bob: Turning Liabilities into Assets: British Government Policy towards German and Italian Prisoners of War during the Second World War. In: Journal of Contemporary History , Jan., 1997, Vol. 32, No. 1 (Jan., 1997), pp. 117-136.
  • Neufeld, Jacob and Watson JR., George M.: A BRIEF SURVEY OF POWS IN TWENTIETH CENTURY WARS. Air Power History , Vol. 60, No. 2 (SUMMER 2013), pp. 34-45.
  • Smith, Arthur L.: Kampf um Deutschlands Zukunft. Die Umerziehung von Hitlers Soldaten. 1997 Bonn.
  • Steinbach, Peter: „Die Brücke ist geschlagen“ Die Konfrontation deutscher Kriegsgefangener mit der Demokratie in amerikanischer und britischer Kriegsgefangenschaft. In: Historical Social Research / Historische Sozialforschung , 1997, Vol. 22, No. 3/4 (83), 20 Jahre: Zentrum für Historische Sozialforschung: Teil II: Politik und Gesellschaft (1997), pp. 275-299.
  • Wolff, Helmut: Die deutschen Kriegsgefangenen in britischer Hand. Ein Überblick. In: Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des zweiten Weltkrieges. Band XI/1. Maschke, Erich (Hrsg.). München 1974.

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