Agoge und Ephebie – Erziehung und militärische Ausbildung im antiken Griechenland

Greek Warrior and Nike

1 Einleitung

Spätestens seit Zack Snyders „300“ ist Sparta der breiten Öffentlichkeit ein Begriff. Die 300 Spartiaten, welche durch rigoroses Training von Kindesbeinen an zu Kampfmaschinen regelrecht herangezüchtet werden, haben das Bild der antiken Polis dauerhaft geprägt. Dass Sparta bereits vorher zumindest in Teilen der Bevölkerung außerhalb der Zunft der Geschichtswissenschaft bekannt war bezeugt das auch heute noch verwendete Adjektiv „spartanisch“, um besonders harte oder karge Zustände zu beschreiben.

In dieser Arbeit soll das Trainings-, Bildungs- und Erziehungssystem der Spartaner, die sogenannten Agoge (wörtl. „Aufzucht“ (Thommen 20172, S.108)), im Detail dargestellt und mit der Erziehung junger athenischer Männer verglichen werden, inklusive der Ephebeia, einer Art militärischer „Grundausbildung“, welche der Agoge in einigen Merkmalen erstaunlich ähnlich ist. Dieser Vergleich soll zum Einen zeigen, dass es sich bei diesem antiken Erziehungs- und Bildungssystem um einen weitaus komplexeren Prozess handelt, als es Hollywood erahnen lässt, und zum Anderen hinterfragen, ob die Agoge tatsächlich so außergewöhnlich ist, wie ihr Ruf es ausmacht.

Sparta wurde über die Jahrhunderte immer wieder mit Athen verglichen, nicht zuletzt da sich beide antiken Poleis auf den ersten Blick so stark unterscheiden: Athen als erste europäische Demokratie im Vergleich zum „Militärstaat“ Sparta. Auch die Konfrontation beider Stadtstaaten im peloponnesischem Krieg hat sicherlich zu dieser fast schon zur Tradition gewordenen Gegenüberstellung beigetragen. Während die politischen, sozialen und militärischen Unterschiede im Allgemeinen des Öfteren hervorgehoben wurden, geschah dies weniger häufig mit dem Blick spezifisch auf die Erziehung beider Stadtstaaten gerichtet. Diese Hausarbeit soll sich genau dies zum Gegenstand der Untersuchung machen.

Den größten Teil des Textes wird hierbei die detaillierte Darstellung der Agoge und der athenischen (Aus-)Bildung und Erziehung ausmachen. Bezüglich der Agoge wird kurz der historische und soziale Kontext erläutert, in welchem dieses Erziehungssystem überhaupt erst entstehen konnte, bevor dann zur eigentlichen Darstellung fortgeschritten wird. Im Kapitel über Athen werde ich mich zunächst hauptsächlich auf die eigentliche Bildung und dann auf den Militärdienst in Form der Ephebeia konzentrieren.

Um diesen Vergleich zu bewerkstelligen werde ich sowohl auf primäre Quellen von Xenophon, Plutarch und Aristoteles zurückgreifen, als auch moderne Werke bezüglich der Gesellschaft und des Bildungssystems in Sparta und Athen zu Rate ziehen. Zu den primären Quellen sei gesagt, dass zwischen Xenophon und Aristoteles auf der einen, und Plutarch auf der anderen Seite, gut vier Jahrhunderte liegen und sich sowohl die Agoge als auch die athenische Bildung und Erziehung inkl. der Ephebeia in dieser Zeit definitiv verändert und verschiedene Entwicklungsphasen unter unterschiedlichen Einflüssen von außerhalb und innerhalb durchlaufen haben (vgl. Kennell 1995, S. 7 ff.). Weder auf die beeinflussenden Faktoren noch auf die unterschiedlichen Phasen der Entwicklung der Agoge kann in dieser Arbeit aufgrund des limitierten Umfangs im Detail eingegangen werden, weswegen ich mich auf den Zeitraum des 5. u. 4. Jhd. v. Chr. konzentrieren werde.

Um ein möglichst komplettes Bild der Agoge in ihrem Verlauf darzustellen, ist es notwendig auch Plutarch trotz des Zeitunterschiedes miteinzubeziehen, da er Xenophon in vielerlei Aspekten ergänzt und Lücken in seinem Bericht zu schließen vermag. Dass manche Elemente, welche bei Plutarch erwähnt werden, in der klassischen Phase der Agoge, also zur Zeit Xenophons und damit innerhalb der hier zu untersuchenden Periode, noch nicht vorhanden waren, ist aufgrund der Zeitdifferenz beider Autoren selbstverständlich. Allerdings bezieht sich Plutarch oft auf Autoren aus klassischer Zeit, welcher Schriften nicht bis in die Gegenwart überdauert haben. Aus diesem Grund bleibt Plutarch auch für die Analyse der Agoge während der klassischen Periode der Geschichte Griechenlands eine wichtige Quelle.

Ich werde im Folgenden die von Kennell vorgeschlagene Methode anwenden, nur die Teile aus Plutarchs Werk zur Rekonstruktion der Agoge in der klassischen Periode zu verwenden, von welchen im Präteritum berichtet wird, die also zur Zeit Plutarchs nicht mehr vorhanden waren bzw. praktiziert wurden, und von denen daher ausgegangen werden kann, dass sie zu früheren Phasen der Agoge gehörten. (vgl. ebd., S. 22 ff.). Freilich bedeutet dies nicht automatisch, dass die entsprechenden Praktiken und Bräuche bis in die klassische Periode zurückreichen, daher werde ich versuchen, wo möglich, die Aussagen Plutarchs durch andere Quellen, Analogien mit anderen historischen Kulturen, und zu guter Letzt auch mit gesundem Menschenverstand, zu unterstützen.

2 Die Agoge

2.1 Ursprünge und Erziehung bevor der Agoge

Wie bereits kurz in der Einleitung erwähnt übersetzt Thommen den Begriff der Agoge mit „Aufzucht“ (Thommen 20172, S.108). Dies lässt bereits erahnen, dass es sich bei der Agoge nicht um ein Bildungs- bzw. Erziehungssystems im Sinne der zur heutigen Zeit verbreiteten Systeme im westlichen Kulturkreis handelt. Und auch im antiken Griechenland bildete die Agoge eine Ausnahme.

Das erste Mal, dass wir in größerem Umfang vom Erziehungssystem der Spartaner hören, ist beim griechischen Autoren Xenophon, welcher während der Klassischen Periode des antiken Griechenlands von 431 bis 354 v. Chr. lebte. Wie alt die Agoge tatsächlich ist lässt sich nicht einfach determinieren, wobei manche Scholaren „ein hohes Alter der Einrichtungen oder zumindest Relikte primitiver Zivilisationsformen“ annehmen (vgl. Thommen 20172, S.107).

Die Agoge wurde oftmals mit Erziehung und/oder Bildung gleichgesetzt und enthält mit Sicherheit Elemente aus beiden Bereichen, unterscheidet sich vom modernen Verständnis jener Begriffe im Westen jedoch grundlegend dahingehend, dass Sie ein sehr viel klarer bestimmtes und – in der Regel – an das Wohl der Öffentlichkeit gerichtetes Ziel verfolgt: „ … agoge, not simply education, through which each city-state molded into the character of its citizens the tenets of morality that were required for the efficient operation of its institutions.” (Bitros, George und Karayiannis, Anastassios 2006, S.20). Bei der Agoge handelt es sich also um ein komplexes System, mit welchem Kinder zu Idealbürgern (im Sinne des Stadtstaates Sparta) erzogen werden sollten. Kennell beschreibt die Agoge als essentieller Teil der spartanischen Gesellschaft, ohne welchen der spartanische „way of life“ nicht möglich gewesen wäre und vice versa (vgl. Kennell 1995, S. 116).

Xenophon führt die Agoge, wie viele der Gesetze und Gepflogenheiten Spartas, auf den mythischen Gesetzgeber Lykurg zurück (vgl. Xen. Const. Lac. 1.1-1.3), wobei fraglich ist, ob es diesen überhaupt in der ihm zugeschriebenen Form gegeben hat: „The reforms were attributed to a legendary lawgiver whom they named Lycurgus (literally, ‘wolf-worker’), but he could not possibly have introduced at one fell swoop all the reforms with which he was credited, and it is not beyond the bounds of credibility that he never actually existed as a real human being.“ (Cartledge 1990, S. 76). Ob und inwiefern Lykurg existierte und welchen Einfluss (wenn überhaupt) er auf die Entstehung der Agoge hatte ist für den Zweck der Untersuchung dieses Bildungssystems im Vergleich mit dem kontemporären Bildungssystem Athens irrelevant. Knottnernus zufolge entstand die Agoge in ihrer bekannten Form „emerged within the fifty years subsequent to the Second Messenian War.“ von 650 bis 620 v. Chr. Er ist der Meinung, dass Lykurg lediglich symbolisch für eine gesellschaftliche Entwicklung stand, welche unter anderem die spartanische Agoge hervorbrachte (vgl. Knottnernus 2002).

Der Zweite Messenische Krieg hatte die Unterjochung der indigenen Messenier, ebenfalls Griechen so wie die Spartaner selbst, zur Folge, wodurch

diese zur zu Abgaben verpflichteten untersten Schicht der spartanischen Gesellschaft, den sogenannten Heloten, wurden (vgl. Thommen 20172, S.23). Die Heloten waren prinzipiell Sklaven, unterschieden sich allerdings dadurch, dass Sie nicht zum Privatbesitz eines Haushaltes gehörten, wie in anderen Teilen des antiken Griechenlands üblich, sondern dem Staat. Sie waren es, die hauptsächlich für die Versorgung des spartanischen Staates und seiner Bürger mit Nahrungsmitteln in Form von agrarischen Produkten verantwortlich waren (vgl. Knottnernus 2002, S. 5). Im Gegensatz zu Ihnen an oberster Stelle der gesellschaftlichen Hierarchie standen die Spartiaten, also die wenigen Bewohner Lakoniens (die Region um Sparta), welche „im Besitz des vollen Bürgerrechts waren.“ (Thommen 20172, S. 98). Nur diese Elite war es, welche die Agoge durchlief, mitunter auch zum Zwecke der Unterdrückung der unteren Gesellschaftsschichten, worauf später im Text noch detaillierter eingegangen werden soll.

Statt die Agoge also auf mythische Ursprünge zurückführen zu wollen, hatte diese den durchaus praktischen Zweck den männlichen spartanischen Nachwuchs zu fähigen und vor allem folgsamen Soldaten heranzuziehen, um die Herrschaft Spartas über Ihre helotischen Untertanen zu sichern, wobei die Armee Spartas natürlich auch zu anderen Zwecken eingesetzt wurde. Cartledge sieht die Heloten im Allgemeinen als Grund und Ursprung der Militarisierung der spartanischen Gesellschaft der klassischen Periode (vgl. Cartledge 1990, S.84).

Bevor die eigentliche Agoge begann wurde das Kind direkt nach der Geburt von dessen Vater zu einem Ort namens Lesche gebracht, wo es auf seine körperliche Konstitution hin untersucht wurde: „but if it was ill-born and deformed, they sent it to the so-called Apothetae, a chasm-like place at the foot of Mount Taÿgetus, in the conviction that the life of that which nature had not well equipped at the very beginning for health and strength, was of no advantage either to itself or the state.“(Plut. Lyc. 16.1-16.2). Ob dies tatsächlich der Fall gewesen ist und wenn ja, aus welchem Grund genau, bleibt kontrovers (vgl. Thommen 20172, S. 106), unter anderem auch deshalb, weil von diesem Brauch bei Xenophon nichts zu finden ist. Wenn es ihn überhaupt gegeben hat, dann ist davon in klassischer Zeit nichts zu finden.

Nach diesen Tests begann die erste Phase der Erziehung durch die Ammen der Kinder, welche noch nicht zur institutionalisierten Form der Agoge gehört. Plutarch berichtet, dass die Ammen auf Windeln verzichteten, um die ungehinderte Entwicklung des Körpers der jungen Kinder zu gewährleisten. Weiterhin wurden die Kinder dahingehend trainiert, nicht wählerisch hinsichtlich Ihrer Nahrung zu sein und diese vollständig aufzuessen. Sie wurden außerdem darauf abgerichtet, keine Furcht vor der Dunkelheit oder dem Alleine-Sein zu entwickeln und nicht zu weinen (vgl. Plut. Lyc. 16.3). Ob diese Erziehungsphase in genau dieser Form schon zu klassischer Zeit vorhanden war kann nicht mit absoluter Sicherheit behauptet werden. Es scheint jedoch plausibel, dass die Erziehung der Kinder nicht erst abrupt im Alter von sieben Jahren mit der institutionalisierten Agoge begann, sondern die Kinder auch davor schon auf die ein oder andere Weise auf diese intensive Phase ihres Lebens vorbereitet wurden.

2.2 Ablauf der Agoge

Wie aus der Einleitung hervorgegangen sein sollte, existierte die Agoge über einen längeren Zeitraum und hat sich innerhalb dieses Zeitraumes auch verändert und entwickelt, wie im Vergleich der Berichte Xenophons und Plutarchs ersichtlich wird. Trotz der vier Jahrhunderte zwischen beiden Individuen blieben bestimmte Kernprinzipien bestehen: Bei beiden Autoren beginnt die institutionalisierte Erziehung im Alter von sieben Jahren und die heranwachsenden jungen Männer durchlaufen unterschiedliche Altersgruppen, in welchen unterschiedliche Anforderungen an sie gestellt wurden. Diese Gruppen und deren Bezeichnungen haben sich zwar im Laufe der Zeit verändert, die grundsätzlichen Anforderungen welche an die Knaben gestellt wurden scheinen jedoch zumindest ähnlich geblieben zu sein. Von Jungen sowohl in der klassischen als auch in der römischen Phase der Agoge wurde erwartet, dass sie auf sich allein gestellt unter schwierigen Umständen überleben konnten, dem Staat und der Gesellschaft gegenüber loyal waren, und zu dessen Wohlstand auf die ein oder andere Weise beitrugen.

Da die Agoge im Rahmen dieser Arbeit ausschließlich im 5. und 4. Jhd. v. Chr. und nicht über die Gesamtheit ihrer Existenz hinweg dargestellt werden soll, werde ich mich an der Struktur Xenophons aus dem 4. Jhd. v. Chr. orientieren und diese mit zusätzlichen Informationen Plutarchs und aus der Sekundärliteratur bereichern um ein möglichst vollständiges und detailliertes Bild der Agoge in der klassischen Periode zu zeichnen. Xenophons Altersgruppen werden hierbei also nicht detailgetreu wie in seinem Werk wiedergegeben, sondern sollen hauptsächlich den strukturellen Rahmen vorgeben, wie dies auch bei der Darstellung Thommens schon der Fall gewesen ist (vgl. Thommen 20172, S. 107 ff.).

2.2.1 Paides

Die erste Phase der Agoge umfasste die 7-14 Jährigen, welche dementsprechend als “Paides” (Jungen) bezeichnet wurden. Ihnen war ein als Paidonomos bezeichneter Aufseher zugeteilt, welchem mehrere „Peitschenträger“ zur Seite gestellt wurden, mit welchen Disziplinierungsmaßnahmen gegenüber den Heranwachsenden ausgeführt werden konnten (vgl. ebd.). Jene Maßnahmen hatten laut Xenophon den Zweck „to chastise them when necessary; and the result is that modesty and obedience are inseparable companions at Sparta.“ (Xen. Const. Lac. 2.2). Die Bestrafung der Knaben, wenn angebracht, sollte also dazu führen, diese sowohl bescheiden als auch gehorsam zu machen. Kennell sieht die Paidonomos als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal der spartanischen Agoge zu den Erziehungssystemen im restlichen Griechenland, da der Staat hierdurch aktiv in das Leben des spartanischen Nachwuchses eingriff (vgl. Kennell 1995, S.120).

Die Kinder waren jedoch nicht einzig und allein dem Paidonomos zu Gehorsam verpflichtet, sondern konnte allgemein ein jeder vollwertige Bürger „den Knaben Vorschriften […] machen und sie […] bestrafen, wenn sie sich etwas zuschulden kommen ließen.“ (Thommen 20172, S. 107). Weiterhin berichtet Thommen, dass den Kindern lediglich ein einziges „Gewand“ pro Jahr und „kärgliche Nahrung“ zugestanden wurden (vgl. ebd.) Der Mangel an Kleidung sollte die jungen Spartaner gegenüber der Hitze des Sommers, sowie der Kälte des Winters abhärten. Dazu kam, dass die Knaben wohl auch keine Schuhe tragen durften, was Ihnen später dabei helfen sollte steile Abhänge hinauf oder hinunter zu klettern, und sie allgemein schneller und agiler gegenüber anderen Griechen bzw. griechischen Soldaten machen sollte. Der Mangel an Nahrung sollte sie darauf vorbereiten, Hunger zu erdulden, wenn die Situation es erforderte (vgl. Xen. Const. Lac. 2.5). Um diese beiden Defizite wett zu machen wurden die Paides dazu ermutigt zu stehlen, was sie sonst noch brauchten um zu überleben. Würden sie jedoch ertappt, müssten sie die Konsequenzen einer öffentlichen Bestrafung tragen (vgl. Thommen 20172, S. 107).

Laut Plutarch wurde in Sparta, anders als im Rest Griechenlands, relativ wenig Wert auf die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben gelegt: „Of reading and writing, they learned only enough to serve their turn “ (Plut. Lyc. 16.6). Dies bestätigt auch Paul Cartledge, welcher den Spartanern zuschreibt, dass bei ihnen nicht die Worte, sondern Taten gezählt haben und gibt dies als Grund an, aus welchem es nur relativ wenig kontemporäre Niederschriften bezüglich Spartas Geschichte gäbe (vgl. Cartledge 1990, S.7 f.). Wir können also davon ausgehen, dass Lesen und Schreiben wenn, dann nur eine untergeordnete Rolle in der Erziehung junger spartanischer Männer spielten.

Weiterhin erfahren wir bei Plutarch, dass die Knaben Ihre Haare abschnitten, nackt trainierten und sich nur wenige Male im Jahr baden durften. Sie schliefen zusammen in Gruppen, in welche sie zu Beginn der Ausbildung eingeteilt wurden, auf Matratzen, die sie selbst hergestellt hatten (vgl. Plut. Lyc. 16.7). Hier muss hinterfragt werden, inwieweit die Schilderungen Plutarchs auf die Agoge klassischer Zeit zutreffen, jedoch weist das hier Beschriebene Ähnlichkeiten zu in der Forschung als „Rite of Passage“ bekannten Ritualen auf, welche für viele Kulturen belegt sind. Hierbei handelt es sich um „Übergangsrituale“, welche ein Mitglied einer Gesellschaft z.B. bei der Geburt, der Pubertät, beim Eintritt ins Erwachsenenalter, der Hochzeit usw. durchläuft. Daher macht es durchaus Sinn, dass solcherlei rituelle Handlungen, womöglich (aber nicht zwingend) ähnlich den von Plutarch beschriebenen, bereits zu klassischer Zeit zum Eintritt in die Agoge vollzogen wurden. Kennell sieht auch das Erdulden von Hunger (Fasten), sowie das Verbot von Schuhen und das Tragen lediglich eines Gewandes das ganze Jahr über als Teil solcher Übergangsrituale (vgl. Kennell 1995, S. 123).

Xenophon erwähnt im Kontext mit dieser Altersgruppe auch sexuelle Beziehungen zwischen erwachsenen spartanischen Männern und den heranwachsenden Knaben, eine Praxis, welche im antiken Griechenland weit verbreitet und keinesfalls verpönt war. Im Gegensatz zum Rest der hellenischen Welt jedoch waren in Sparta Beziehungen dieser Art nur dann gestattet, „If someone, being himself an honest man, admired a boy’s soul and tried to make of him an ideal friend without reproach and to associate with him, he approved, and believed in the excellence of this kind of training. But if it was clear that the attraction lay in the boy’s outward beauty, he banned the connexion as an abomination; “ (Xen. Const. Lac. 2.13). Thommen weist darauf hin, dass Xenophon, obwohl er „die päderastischen Beziehungen“ im Kontext mit den Paides, also den 7 bis 14-jährigen, erwähnt, er sich wahrscheinlich „auf die nächste Altergruppe [sic!] der Paidiskoi bezogen habe“, also auf die 14-20 jährigen (vgl. Thommen 20172, S. 107).

2.2.2 Paidiskoi

Die nächste Phase der Agoge, in welcher die nun jugendlichen Knaben im Alter von 14-20 Jahren unter der Bezeichnung „Paidiskoi“ zusammengefasst wurden, sah „erste gesellschaftliche Bindungen mit den Erwachsenen“ vor, so z.B. die bereits erwähnten romantischen Beziehungen zwischen den jungen Spartanern und den bereits etablierten erwachsenen (männlichen) Vollbürgern Spartas (vgl. Thommen 20172, S. 106).

Plutarch berichtet, dass es für die jungen Männer dieser Altersgruppe wichtig gewesen ist, andere Mitglieder Ihrer Gruppe und der spartanischen Gesellschaft beurteilen zu können. Der Aufseher der Gruppe, der sogenannte Eiren, fragte die Paidiskoi einzeln nach deren Meinung zu Ihren „Mitschülern“ oder zu den Bürgern Spartas. Diese mussten Ihre Antworten rational begründen und so knapp und exakt wie möglich wiedergeben. Der Eiren beurteilte dann, ob eine Antwort richtig oder falsch gewesen ist und biss denjenigen, welche die falsche Antwort gegeben hatten, auf den Daumen (vgl. Plut. Lyc. 18.3). Kennell bestätigt, dass es eine solche Praxis auch schon zu klassischer Zeit gegeben hat und dies ein wichtiger Bestandteil der Heranführung junger spartanischer Männer an das öffentliche Leben in Sparta nach der relativen Isolation der ersten Erziehungsphase war. (vgl. Kennell 1995, S. 124).

Xenophon liefert im Falle der Paidiskoi leider relativ wenig detaillierte Informationen, außer dass man den Jugendlichen zu dieser Zeit das Zehnfache an Arbeit aufzwingen müsse. Er berichtet indes auch von einem Brauch um den jungen Spartanern in dieser kritischen Zeit des Heranwachsens Bescheidenheit beizubringen. Hierfür gingen sie die Straße entlang, mit den Händen in den Falten Ihres Gewandes, ohne zu sprechen und ohne Ihren Blick vom Boden vor Ihren Füßen abzuwenden (vgl. Xen. Const. Lac. 3.4).

Auf einer ganz anderen Seite steht eines der bereits erwähnten Übergangsrituale, welches die jungen Spartaner in dieser Phase durchliefen (vgl. Kennell 1995, S.126). Hierbei stahlen die Jugendlichen Käse von einem Altar der Artemis Orthia unter Schlägen der anderen Paidiskoi (vgl. Thommen 20172, S. 106 f.). Plutarch erwähnt, dass die Schläge der anderen Jugendlichen anscheinend so hart waren, dass viele der Jungen bei diesem Ritual umkamen (vgl. Plut. Lyc. 18.1). Dieser Brauch lässt sich in sehr ähnlicher Form bereits bei Xenophon finden und ist damit für die klassische Periode attestiert (vgl. Xen. Const. Lac. 2.9).

Der Anfang der nächsten Phase der Agoge ist vom Eintritt in das von Xenophon als solches bezeichnete Mannesalter gekennzeichnet (vgl. Xen. Const. Lac. 3.4).

2.2.3 Hebontes

Die Erziehung der in dieser Phase als „Hebontes“ bezeichneten jungen Männer bereitete Lykurg „the deepest solicitude“ (vgl. Xen. Const. Lac. 4.1). Vom 20sten bis zum 30sten Lebensjahr wurden die jungen Spartaner nicht mehr als Paidiskoi, sondern als Hebontes bezeichnet. In dieser Phase standen die jungen Männer weiterhin unter Aufsicht und betrieben „nach wie vor choregische und athletische Wettkämpfe“ (Thommen 20172, S. 108). Die Aufsicht übernahmen nun nicht mehr die Paidonomos, sondern drei sog. „Commanders of the Guard“ ,welche jeweils 100 der jungen Männer beaufsichtigten (vgl. Xen. Const. Lac. 4.3). Die wohl bedeutendste Neuerung war die Aufnahme in eine der Zeltgemeinschaften, womit die Syssitien gemeint sind: „Ein Syssition bildete ursprünglich sowohl eine militärische Basiseinheit als auch eine Essgemeinschaft. Die Integration in einen solchen Verband, […] bildete eines der Grundelemente des bürgerlichen Daseins in Sparta.“ (Thommen 20172 , S. 109) Mit dem Eintritt in eine solche Gemeinschaft war ein weiterer Schritt getan um die jungen Spartaner langsam an die Eingliederung in die Gesellschaft der erwachsenen spartanischen Männer und damit vollwertigen Bürger heranzuführen.

Nach dem 30sten Lebensjahr scheint die institutionalisierte Erziehung der Spartaner abgeschlossen zu sein. Nun war es ihnen gestattet, an der Jagd teilzunehmen und nachts nicht mehr mit ihren männlichen Zeltgenossen zu übernachten, sondern nach Hause zurück zu kehren und die Nacht in Ihrem eigenen Heim zu verbringen. Sie konnten außerdem öffentliche Ämter im Staat übernehmen und wurden allgemein zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft (vgl. Thommen 20172, S.107 f.).

Bevor wir zur athenischen Bildung und Erziehung voranschreiten soll noch ein weiterer Aspekt der Agoge angesprochen werden, der den Aussagen mancher Scholaren nach nicht zum Standard des Erziehungsprogramms gehört hat. Die Rede ist von der Krypteia, nach welcher die Knaben in dieser Phase der Agoge Kryptoi genannt wurden. (vgl. Cartledge 1990, S. 79).

2.2.4 Kryptoi

Das Wort Krypteia an sich bedeutet so viel wie „versteckt“ oder „Geheimnis“ (vgl. Ross 2012, S. 1 f.). Laut Cartledge fand die Krypteia im Alter zwischen 18 und 20 Jahren statt, also am Ende der Phase der Agoge, in welcher die Knaben bei Xenophon als Paidiskoi bezeichnet wurden. Nur einigen Wenigen („an elite few“) war es gestattet, an dieser Phase teilzunehmen (vgl. Cartledge 1990, S. 79). Thommen berichtet, „Die Krypteia bildete einen wesentlichen Bestandteil bei der Aufnahme der Jugendlichen ins Erwachsenenleben.“ (Thommen 20172, S.108 f.), was anmuten lässt, die Krypteia sei ein essentieller Teil der Erziehung des Großteils, wenn nicht sogar aller Jugendlicher gewesen. Was das Alter angeht, in welchem die Krypteia stattfand, weicht Thommen hingegen nur leicht ab und gibt das 20ste Lebensjahr an, „nach Abschluss der Jugenderziehung“ (ebd.).

Einig sind sich Cartledge und Thommen in dem Punkt, dass die Krypteia es erforderte, Sparta (die Stadt und die lakonischen Dörfer in der unmittelbaren Umgebung, nicht das Territorium des Stadtstaates) zu verlassen und auf eigene Faust in der Wildnis zu überleben (vgl. Cartledge 1990, S. 79). Thommen verweist auf Platon, dem zufolge „die Krypteia eine Art Abhärtungstraining [ist], das Barfusslaufen im Winter, Schlafen auf nacktem Boden, sowie spezielle Tätigkeiten umfasste, für die rund um die Uhr das ganze Land zu durchstreifen war.“ (Thommen 20172, S.108).

Das außergewöhnlichste Merkmal der Krypteia jedoch war das Töten von Heloten, welcher Akt des Nachts und nur mit einem Dolch bewaffnet durchgeführt wurde (vgl. Cartledge 1990, S. 79). Die Bedeutung des Wortes Krypteia, „Geheimnis“ oder „versteckt“(vgl. Ross 2012, S. 1), hängt möglicherweise mit dem Umstand zusammen, dass die Heloten ausschließlich unter dem Mantel der Dunkelheit und damit im Geheimen getötet wurden (vgl. Strechie 2012, S.3). Nach Thommen wurden jegliche Heloten und Landarbeiter, welche den Kryptoi begegneten, getötet. Anscheinend gab es hier allerdings zumindest eine Art Richtlinie, nach welcher “nur diejenigen Heloten getötet [wurden], für die dies ratsam schien.” (Thommen 20172, S.109). Welche Art von Heloten hiermit gemeint sein könnte wird im Folgenden deutlich.

Plutarch zufolge wurden nicht alle „jungen Männer” der Krypteia unterzogen, sondern lediglich die Intelligentesten unter Ihnen, was mit der Aussage Cartledges übereinstimmt, dass nur einige wenige in die Wildnis ausgesandt wurden. Dabei waren sie mit nichts außer Dolchen und essentiellen Essensvorräten ausgestattet. Tagsüber sollten sie sich versteckt halten, damit sie des Nachts jeden Heloten ermorden konnten, welcher Ihnen über den Weg lief. In dieser Passage wird bei Plutarch auch erwähnt, dass das Töten der auf dem Feld arbeitenden Heloten den Zweck hatte, deren physisch stärksten Mitglieder gezielt umzubringen. In diesem Zusammenhang wird auch auf eine bestimmte Stelle in Thucydides „History of the Peloponnesian War“ verwiesen, in welcher eben diese herausragendsten der Heloten für Ihre Tapferkeit von den Spartanern geehrt und dann um die Heiligtümer der Götter geführt wurden. Es sollen deren insgesamt über 2000 gewesen sein, welche nach diesem Ereignis verschwanden (vgl. Plut. Lyc. 28.2-28.4). Bei Knottnerus erfahren wir, dass diese 2000 systematisch von den Spartanern mit Ihrer Freiheit gelockt wurden: Wenn sie Sparta im Krieg zur Seite stünden, würden sie freigelassen werden (vgl. Knottnernus 2002, S.2 f.). Die Umstände legen nahe, dass die 2000 Heloten rituell geopfert wurden und dass dies auch eine Rolle bei der Ermordung der Heloten im Rahmen der Krypteia gespielt haben könnte (vgl. Thommen 20172, S.109). Plutarchs Bezug sowohl auf Thucydides, als auch auf Aristoteles (vgl. Plut. Lyc. 28.4) legt nahe, dass die Krypteia, in der ein oder anderen Form, auch bereits in der klassischen Periode existierte.

Generell gibt es in der Forschung zwei Lager hinsichtlich des Zwecks der Krypteia. Während einige Experten argumentieren, dass die Krypteia hauptsächlich als abschließender Teil der Agoge, sozusagen als finale Prüfung der Überlebensfähigkeiten und der Loyalität gegenüber dem spartanischen Staat fungierte, sehen andere darin hauptsächlich ein Mittel zur Unterdrückung der Heloten (vgl. Ross 2012, S. 1 f.). Thommen sieht den Zweck der Krypteia in der “Sicherung des Grenzterritoriums” und als Diskriminierungsmaßnahme gegenüber den Heloten (vgl. Thommen 20172, S. 109), ist also eher letzterer Kategorie zuzuordnen. Beide Lager stimmen in dem Punkt überein, dass sowohl erzieherische (gegenüber den heranwachsenden Spartanern) als auch kontrollierende bzw. disziplinierende Maßnahmen (gegenüber den Heloten) eine Rolle gespielt haben müssen. Lediglich in der Gewichtung beider Kriterien unterscheiden sie sich (vgl. Ross 2012, S. 1 f.).

3 Im Vergleich mit Athen

Nun, da ein ausreichend detaillierter Überblick über die Agoge vorliegt, wird diese mit einer typischen Erziehung im antiken Athen im selben Zeitraum verglichen. Sparta und Athen befanden und befinden sich oftmals im direkten Vergleich, da beide Poleis zu den einflussreichsten ihrer Zeit gehörten und sich letztendlich auch im Peloponnesischem Krieg direkt gegenüber standen. Auch was ihren Einfluss in nachfolgenden Jahrhunderten bis in die heutige Zeit betrifft, findet sich unter den griechischen Stadtstaaten der Antike kaum ein Vergleich. Was die Erziehung und Bildung der (männlichen) Kinder und Jugendlichen betrifft unterscheiden sie sich ebenfalls erheblich, wie im Folgenden dargestellt werden soll.

3.1 Die athenische Bildung

Anders als in Sparta war die Bildung in Athen nicht Sache des Staates. Es wurde von den Familien selbst, bzw. von den Familienoberhäuptern (den Vätern), entschieden, „what disciplines their boys should study, who the good teachers were and how long they should be at school.” (Pritchard 2014, S. 2). Schon Zeitgenossen wie Aristoteles hatten sich über diesen Umstand beklagt und waren der Meinung, dass Bildung sowohl „state-run“ als auch „common to all“ sein sollte (vgl. Morgan 1999, S. 55). Nur sehr wenig wurde vom Staat selbst vorgegeben, darunter die Unterrichtszeit, die Größe der zu unterrichtenden Klassen und das Mindestalter der Schüler (vgl. Pritchard 2014, S. 2). Die Kinder wurden dort unterrichtet, wo es gerade passte, so z.B. in den Häusern der Lehrer. Die Hauptsache war, dass man alle Schüler, derer 10-12 pro Klasse, in dem jeweiligen Gebäude bzw. dem jeweiligen Raum unterbringen konnte (vgl. Batdal Karaduman u.a., S. 42). In diesem Kontext sei auch das weithin bekannte griechische Gymnasium erwähnt, welches allerdings, zumindest ursprünglich, hauptsächlich der sportlichen Betätigung Erwachsener, und später dann auch derer höherer Bildung, diente (vgl. Forbes 1945, S. 33). Dies zeigt zum Einen, wie flexibel die Athener in der Wahl ihrer „Klassenzimmer“ waren, und zum Anderen, dass Bildung oft Hand in Hand mit anderen Aspekten des alltäglichen, öffentlichen Lebens ging.

Die heranwachsenden Jungen im antiken Athen begannen ihre formelle Erziehung ungefähr zur selben Zeit wie die Jungen Spartas im Alter von sieben Jahren. Ihnen wurden dann ein spezieller Haushaltssklave, der sogenannte „Paedogogos“, zugeteilt, welcher das Kind überall hin begleitete und auch über die Autorität verfügte es zu bestrafen, falls nötig. Der Paedogogos war in der Regel nicht allein für ein Kind, sondern für alle männlichen Kinder einer Familie verantwortlich. Durch die Nähe des Paedogogos zu den Kindern entwickelte sich oftmals eine tiefere emotionale Bindung, wodurch diese auch im Erwachsenenalter noch mit Liebe und Respekt zu ihm aufschauten, trotz seines Sklavenstandes (vgl. ebd.).

Ein Schultag begann in der Regel früh am Morgen, nach Sonnenaufgang. Unklar bleibt, wie lang er andauerte, allerdings durften Schulen nach Sonnenuntergang nicht mehr geöffnet haben. Dies sollte die Lehrer unter anderem davon abhalten, sexuelle Beziehungen mit Ihren Schülern einzugehen (vgl. ebd. f.). Die steht im starken Kontrast zu Sparta, in welchem derlei Beziehungen, wie im Vorangegangen bereits erwähnt, sogar ermutigt wurden. Hierzu sei gesagt, dass es sehr wohl Beziehungen zwischen erwachsenen Männern und Jugendlichen in Athen gab, diese allerdings eher auf die Elite beschränkt war und in der Regel auch wenig mit Erziehung zu tun hatte (vgl. Hubbard 2006, S. 223 ff. u. Hubbard 1998, S. 49 f.), wenn man davon absieht, dass der ältere Partner als „role model“ gerechtfertigt wurde (vgl. Joyal 2019, S.87).

Die Kinder wurden grundsätzlich in drei verschiedenen Disziplinen unterwiesen: Gumnastike, mousike und grammata. Zu diesen wurde unter Umständen zusätzlicher Sing- und/oder Tanzunterricht gelehrt (vgl. Pritchard 2014, S. 2), wobei diese Disziplinen an anderer Stelle als in das Fach der mousike fallend gezählt wurden (vgl. Morgan 1999, S. 48). Hierzu sei kurz gesagt dass die athenische Bildung, genauso wie die Spartanische, im Laufe der Jahrhunderte einem starken Wandel unterzogen war und sich die verschiedenen Disziplinen, sowie deren Inhalt und Gewichtung, stetig veränderten, wie im Folgenden deutlich werden wird (vgl. ebd., S. 47 ff.).

Die gumnastike umfasste sportliche Tätigkeiten wie Ringen, Boxen, Sprints und das Speer- und Diskuswerfen und wurde von spezialisierten Lehrern bzw. Trainern unterrichtet, welche nicht notwendigerweise alle athletischen Disziplinen unterrichteten. So gab es z.B. aufs Ringen spezialisierte Schulen, in denen es keinen Boxunterricht gab. Die Gumnastike sollte also nicht unbedingt im Sinne eines modernen Sportunterrichts verstanden werden, in welchem ein Lehrer in der Regel verschiedene Sportarten unterrichtet, sondern es gab mehrere auf zumeist jeweils eine Sportart spezialisierte Lehrer, welche die Kinder unterrichteten. Die Gumnastike war außerdem die älteste der drei Disziplinen bevor dem Aufkommen der anderen Beiden im Laufe des 5. Jhds. v. Chr. Letztere wurden in der klassischen Periode als wichtiger gewertet, was allerdings nicht davon abhielt Gumnastike trotzdem als essentiellen Teil der Bildung athenischer Jungen zu verstehen (vgl. Pritchard 2014, S. 1f.).

Die mousike umfasste den Unterricht im Spielen der Kithara, einer Art Leier, und das Singen von Gedichten (vgl. ebd. S. 2.) und scheint die ältere der beiden neueren Disziplinen gewesen zu sein (vgl. Morgan 1999, S.48). Die grammata wuchs mit der Zeit aus den literarischen Aspekten der mousike heraus (vgl. ebd. ff.) und umfasste außer dem Lesen und Schreiben auch das Arbeiten mit Zahlen, also das Zählen selbst sowie Rechnen, und das Auswendig-Lernen von Gedichten (vgl. Pritchard 2014, S. 2.). Die mousike und die grammata scheinen also bis zu einem gewissen Grad überlappt zu haben (vgl. Morgan 1999, S. 50) und in beiden Disziplinen war es das Hauptziel den jungen Athenern moralisch richtiges und tugendhaftes Handeln durch die Konfrontation mit den Helden der griechischen Poesie beizubringen. Mitunter aufgrund von Neid gegenüber derer Heldentaten sollten sie ein ähnlichen Verhalten an den Tag legen und somit zu tugendhaften jungen Männern heranwachsen (vgl. ebd.). Die „ethical dimension“ der mousike bestätigt auch Morgan (vgl. Morgan 1999, S.48).

Mit der Entstehung der grammata aus der mousike und deren Übernahme des literarisch-poetischen Aspektes letzterer entwickelte sich die mousike selbst mehr zu einer exklusiv „’musical’ (in the modern sense)“ Disziplin. Die Transformation des griechischen Curriculums von einer relativ groben Zweiteilung in gumnastike und mousike zu einer Dreiteilung vollzog sich wahrscheinlich gegen Ende des fünften Jhds. v. Chr. und war spätestens 390 v. Chr. abgeschlossen. Dies bedeutet nicht, dass ein jeder Athener von da an in allen drei Disziplinen unterrichtet wurde; die Unterweisung in lediglich der gumnastike und der mousike existierte noch jahrzehntelang neben der Dreiteilung (vgl. ebd. S. 50 f.).

Zusammenfassend kann die athenische Bildung also in einen physischen und einen „mental-moralischen“ Aspekt unterteilt werden. Zeitgenossen nahmen diese beiden Aspekte oftmals als sich in Konflikt befindlich bzw. konkurrierend zueinander im Bezug auf deren Wichtigkeit als eigenständige Disziplinen des griechischen Curriculums wahr. Diese Unterteilung und der wahrgenommene Konflikt zogen sich über Jahrhunderte hinweg (vgl. ebd., S.48 ff.).

Anders als Sparta konnte sich Athen bei seiner Versorgung nicht auf eine abgabenpflichtige unterste Bevölkerungsschicht stützen, welche den Großteil der athenischen Bevölkerung von der Arbeit für Ihren Lebensunterhalt befreit hätte. Zwar gab es selbstverständlich eine Elite, welche von diesem Zwang befreit war, jedoch nicht annähernd in einem vergleichbaren Ausmaß wie in Sparta. Aufgrund dieses Mangels mussten die Kosten der Erziehung und Bildung junger athenischer Knaben und heranwachsender Männer auch von jedem Haushalt selbst getragen werden. Während dies für die Elite kein Problem war, da diese das Geld hatte ihre Kinder in allen Disziplinen unterweisen zu lassen, sah dies für die unteren Schichten der Gesellschaft anders aus: Je weniger Geld eine Familie besaß, desto weniger Disziplinen und desto weniger lang konnte ein Kind die jeweiligen Disziplinen belegen. Hinzu kam, dass viele Kinder ärmerer Haushalte auch bei der Arbeit im Haushalt, in der Werkstatt oder auf dem Feld, aushelfen mussten, was zusätzlich zu einem Mangel an verfügbarer Zeit zum Lernen führte. Ein weiteres Problem, welches die Elite nicht hatte (vgl. ebd., S.3).

Welche Disziplinen in welchem Umfang belegt wurden, war also eine Frage der Zeit und des Geldes eines jeden Haushaltes, bei welcher zwangsweise Prioritäten gesetzt werden mussten. Während es in Sparta das Hauptziel der Agoge war, fähige und folgsame junge Männer zum öffentlichen Einsatz für das Wohle des Staates, sei es in öffentlichen Ämtern oder im Krieg gegen externe oder interne Bedrohungen, auszubilden, wollte die athenische Gesellschaft „agathoi andres“, „tugendhafte Männer“ hervorbringen. Hierbei ging es nicht um das Erlernen des Kriegshandwerks, das Überleben in der Wildnis oder um das Befolgen von Befehlen, sondern vor allem darum, den Mut eines jeden Individuums zu fördern und die Fähigkeit des richtigen moralischen Handelns zu entwickeln und zu stärken. Die Gumnastike, zum Beispiel, sollte den jungen Männern lehren, ihren Gegner mutig auf dem Schlachtfeld entgegenzutreten. Die Mousike und die Grammata hingegen sollte ihnen durch die Konfrontation mit den edlen Protagonisten der mythischen Gedichte beibringen, moralisch richtig zu handeln (vgl. Pritchard 2014, S. 2 f.).

Da Tugendhaftigkeit und moralisch richtiges Handeln oberste Priorität für die Erziehung athenischer Jungen hatten, scheint es unwahrscheinlich, dass die ärmeren athenischen Familien auf die Unterweisung ihrer Kinder in der grammata als wichtigster Disziplin zur Entwicklung dieser Tugend zugunsten der anderen Beiden verzichtet hätten. Auch die mousike scheint in dieser Hinsicht wichtiger gewesen zu sein als die gumnastike, auch wenn diese als zweitwichtigste Disziplin wohl nur von sehr wenigen Angehörigen der athenischen Unterschicht in Anspruch genommen werden konnte. Die wichtigste und am weitesten verbreitete Disziplin der athenischen Bildung war also die grammata und damit die Entwicklung von Moralität (vgl. ebd.).

Hierbei muss berücksichtigt werden, dass dies natürlich nur für das 4. Jhd. v. Chr. gelten kann (und hier höchstwahrscheinlich auch eher für die zweite Hälfte des Selbigen (vgl. Morgan 1999, S. 55 f.)), da die grammata als eigenständige Disziplin erst in diesem Zeitraum richtig Fuß gefasst hatte, wie im Vorangegangen bereits ausgeführt worden ist.

Abgesehen von der Moralität erwähnen Batdal Karaduman u.A., dass die Lehrer, was Disziplinierungsmaßnahmen angeht, nicht zimperlich gewesen sind: „For instance in a poem of Phanios, we see the tools of beating; such as sticks, slippers, whips. But we don’t find any objections raised to it by Greek writers. What we know of Athenian schools in the fifth century B.C.E. suggests that a stress on discipline and punishment tended to outweigh the teaching of skills. This bias was certainly due in part to the need for soldiers, but it may also reflect Athenian understanding that, for their democracy to survive, young men had to learn to temper their competitive drives. (Nortwick, 2008: 47).“

Dies zeigt, dass auch in Athen Ordnung und Disziplin von Wichtigkeit für die Erziehung der jungen Männer war, und dass der Blick der athenischen Gesellschaft unter Anderem auch auf eine militärische Zukunft gerichtet war (vgl. Batdal Karaduman u.a., S. 44). Dies scheint aber eher die Ausnahme als die Regel gewesen zu sein: „For most free, non-elite Greeks, the main occupation for which they had to be trained was that of their parent.” (ebd., S. 45).

Nachdem die nun jugendlichen Knaben den Unterricht in einem oder mehrerer dieser Fächer genossen hatten, konnten die privilegierteren unter ihnen von den Söhnen anderer wohlhabenden Familien oder von den sogenannten Sophisten weiterführend unterwiesen werden, um deren Wissen über Medizin, Jura und Rhetorik zu vertiefen (vgl. ebd., S.44). Von diesen gewann vor allem letztere im demokratischen Athen zunehmend an Bedeutung, da das freie Sprechen vor einem Publikum zum Zwecke der Überzeugung des Selbigen essentiell für den demokratischen Prozess und der Steigerung des eigenen politischen Einflusses war (vgl. Joyal 2019, S. 90). Dies geschah unter Anderem auch in den zu Beginn des Kapitels erwähnten Gymnasien (vgl. Forbes 1945, S. 33).

3.2 Die Ephebeia

Aristoteles berichtet darüber hinaus, dass alle Athener, welcher beider Eltern Bürger der Polis waren, im 18ten Lebensjahr einen 2-jährigen Militärdienst antraten, die sogenannte Ephebeia (vgl. Aristot. Const. Ath. 42.1). Wann genau diese Institution ins Leben gerufen wurde ist unklar, ähnlich wie bei der Agoge, als spätester Zeitpunkt wird allerdings 334/35 v. Chr. angegeben. Dabei steht fest, dass der Institutionalisierung der Ephebeia eine längere Entwicklungsphase vorangegangen sein muss, die letztendlich zu diesem Ausbildungssystem geführt hat. Der Grund für die Institutionalisierung mag womöglich in einer Änderung der Art und Weise militärischer Auseinandersetzungen gelegen haben: Anstelle von der sozialen Elite oder „Helden“ welche gegeneinander antraten um Konflikte zu lösen, wurden nun vermehrt ganze Heere, rekrutiert von den Massen des Volkes, in den Kampf gegeneinander geschickt. Dies erforderte das Training und die Ausbildung eines jeden wehrfähigen Mannes, um sie auf solche bewaffneten Konflikte vorzubereiten (vgl. Reinmuth 1952, S.35 ff.).

Der Beginn der Ephebeia symbolisiert den Eintritt junger athenischer Männer ins Leben vollwertiger Bürger Athens und den damit verbundenen Rechte und Pflichten (vgl. ebd., S.40). Dies wird auch in der Entwicklung der Bedeutung des Wortes „Ephebos“ reflektiert, welcher zunächst lediglich einen jungen Mann bezeichnete (vgl. Joyal 2019, S. 88): „the term ephebos comes into use to mean one entering upon citizenship.” (Reinmuth 1952, S.40). Die Ephebeia wird oft als rite of passage bezeichnet und kann in dieser Hinsicht mit der spartanischen Krypteia verglichen werden:„division of groups according to age; segregation of these groups from the community for a fixed period of time, often while they did garrison duty in the countryside; their wearing of distinctive clothing; and their reintegration upon completion of service.” (Joyal 2019, S. 88). Die Aufteilung in unterschiedliche Altersgruppen ist kein Charakteristikum der Krypteia an sich, sondern der Agoge im Allgemeinen, während die anderen hier aufgeführten Punkte auf beide Institutionen zutreffen („distinctive clothing“ kann mit der kargen Ausstattung der Kryptoi verglichen werden; von einer „Kryptoi-Uniform“ ist nicht die Rede).

Zu Beginn dieses Militärdienstes wird überprüft, ob die Rekruten die beiden im Voraus genannten Voraussetzungen erfüllen: Erstens, ob sie tatsächlich bereits 18 Jahre alt und zweitens, ob sie das Kind freier athenischer Bürger waren. Sollte letzteres nicht der Fall sein, wurde der Angeklagte vom Staat als Sklave verkauft (vgl. Aristot. Const. Ath. 42.1). Nachdem den jungen Männern einen „guardian“ aus deren Stamm und einen „director“ aus der allgemeinen athenischen Bürgerschaft zugeteilt wurden folgte ein Rundgang zu den Tempeln Athens (vgl. ebd. 42.2-42.3). Es liegt nahe, dass der „ephebische Eid“, mit welchem die Rekruten ihre Treue zum Stadtstaat Athen schworen, in Verbindung mit diesem Rundgang stand, da in ihm die Götter als Zeugen angerufen wurden: „Witnesses are the gods Aglauros, Hestia, Enyo, Enyalios, Ares and Athena Areia, Zeus, Thallo, Auxo, Hegemone, Herakles …“ (Siewert 1977, S.103.) Laut Reinmuth bietet sich das Heiligtum des Aglauros hierfür an, da er der Erstgenannte Gott ist (vgl. Reinmuth 1952, S. 42). Neben dem religiösen Aspekt enthält der Eid auch starke militärische Nuancen, wie Reinmuth betont: „I will never bring reproach upon my hallowed arms, nor will I desert the comrade at whose side I stand, but I will defend …“ (ebd., S. 41).

Daraufhin wurden die Ephebi („die Jugendlichen“ oder „die jungen Männer“) zu ihren jeweiligen Posten in Attika geschickt. Im ersten Jahr ihrer Ausbildung wurden sie von zwei Trainern im Kampf in schwerer Rüstung und mit dem Bogen und dem Wurfspeer unterrichtet. Darüber hinaus wurde ihnen auch die Bedienung eines Katapults beigebracht. Unklar bleibt, ob die Ephebi vor ihrer Stationierung oder währenddessen trainiert wurden. Während dieser Zeit sorgte der guardian für die Versorgung der Rekruten. Nach der Vollendung des ersten Dienstjahres erhielten die Ephebi einen Schild und einen Speer vom Staat, wonach sie auf Patrouillen durchs Land geschickt wurden. Über diese zwei Jahre, welche die jungen Männer im Dienste des Staates Athen verbrachten, waren sie von jeglichen Steuern befreit. Sie durften allerdings weder jemanden eines Verbrechens vor Gericht anklagen, noch angeklagt werden, was den Zweck haben sollte, dass sich die Rekruten vollständig auf Ihren Militärdienst konzentrieren konnten (vgl. ebd.).

Ähnlich wie die Agoge durchlief auch die Ephebeia eine Entwicklung. Bereits 35 Jahre nach Aristoteles Bericht stand sie nicht mehr auf dem Pflichtprogramm heranwachsender athenischer Männer (vgl. Reinmuth 1952, S. 39) und unterschied sich damit gravierend von der Agoge Spartas, welche verpflichtend für alle freien männlichen Bürger Spartas war. Auch ihre Dauer wurde auf lediglich ein Jahr verkürzt (vgl. Joyal 2019, S. 88).

4 Fazit

Das Ziel dieser Arbeit war es aufzuzeigen, wie außergewöhnlich die Agoge nicht nur aus heutiger Sicht sondern auch im Vergleich zu anderen Bildungsansätzen im antiken Griechenland war. Während, wie bereits des Öfteren im Laufe dieser Arbeit erwähnt, es die Agoge nicht gegeben hat, sondern es sich dabei um ein über Jahrhunderte bestehendes System handelte, welches diversen Veränderungen unterworfen war, betonen die Berichte sowohl aus klassischer wie auch aus römischer Zeit ihre besondere Stellung nicht nur in Griechenland sondern in der mediterranen Welt der Antike im Allgemeinen. Dass dies nicht nur ein Klischee war sondern tatsächlich zu großen Stücken der historischen Realität entspricht zeigt der Vergleich mit Athen: Während Sparta die Erziehung ihrer Kinder von dem Moment ihrer Zeugung stark beeinflusste, und, in vielerlei Hinsicht komplett bestimmte, war Bildung und vor allem die Erziehung von Kindern in Athen Privatsache, was sowohl Vor- als auch Nachteile für die jeweilige Polis hatte. Dadurch, dass die Bildung in Athen nicht wie in der spartanischen Agoge institutionalisiert war, standen vor allem der athenischen Oberschicht mehrere Optionen hinsichtlich Ihrer beruflichen Zukunft offen. Die Kinder der Unterschicht hatten es dafür umso schwerer, da Ihnen aufgrund begrenzter Mittel meist nichts anderes übrig blieb, als nach einer sehr limitierten Unterweisung in der Grammata in die beruflichen Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. In Sparta unterzogen sich alle männlichen Bürger dagegen der gleichen Ausbildung, was zumindest in der Theorie ähnliche Chancen für alle Bürger garantieren sollte, was auch der Begriff der „Homoioi“, der „Gleichen“, bezeugt (vgl. Thommen 20172, S.98). Allerdings waren die Optionen, was die Berufsauswahl angeht, in Sparta eher beschränkt. Spartaner, welche die Agoge absolviert hatten, dienten entweder als Soldaten oder übernahmen öffentliche Ämter. Da Schriftlichkeit und Akademia in Sparta nicht in besonders hohen Ehren gehalten wurden und die Heloten und Periöken den Bedarf an Nahrungsmitteln, Werkzeugen, Waffen und anderen lebensnotwendigen Produkten sowie Luxusartikeln abdeckten, bestand kein Bedarf an mehr Arbeitern in diesen Professionen. Davon abgesehen bleibt es fraglich, ob ein Spartiat, welcher seit frühster Kindheit auf ein Leben im Dienste des Staates vorbereitet wurde, überhaupt das Verlangen verspürte anderen Tätigkeiten als solchen im direkten Dienst Spartas nachzugehen.

Ein weiterer Unterschied, welcher eben nur im Vorübergehen erwähnt wurde, ist die literarische Bildung. Wie bereits erwähnt war diese in Sparta von nicht allzu großer Bedeutung. In Athen dagegen scheint sie von allergrößter Wichtigkeit gewesen zu sein. So wichtig, dass, wenn eine Familie sich nur eine der Disziplinen für den Unterricht Ihrer Söhne leisten konnte, sie die Grammata wählte, auf dass ihre Söhne lesen und schreiben, sowie die großen Werke antiker Autoren wie Homer lernten. Freilich wurden diese Werke nicht explizit aufgrund Ihrer literarischen Bedeutung auswendig gelernt, sondern mit dem Ziel tugendhafte junge Männer aus den Knaben zu machen (vgl. Pritchard 2014, S. 2 f.) Der Umstand jedoch, dass literarische Werke zum essentiellen Werkzeug der athenischen Bildung gehörten, stellt einen scharfen Kontrast zur Agoge dar.

Abgesehen davon, dass die Erziehung in Sparta institutionalisiert und vom Staat reguliert war, und dass literarische Bildung nur von sehr geringer Bedeutung war ist der wohl gravierendste Unterschied zwischen beiden Bildungs- bzw. Erziehungsansätzen das Konzept der Familie. Während athenische Kinder nach dem Unterricht zu Ihren Eltern zurückkehrten und somit einen großen Teil Ihrer Kindheit mir Ihrer Familie verbrachten, endete das Familienleben spartanischer Jungen spätestens mit dem Beginn der Agoge, wenn nicht sogar schon früher. Wie im vorangegangen Text erwähnt gehörte ein Kind nach den Reformen Lykurgs nicht seinem Vater, sondern der spartanischen Gesellschaft und als Bestandteil dieser trug jeder spartanische Mann zu deren Erziehung bei. Die Familie wurde praktisch durch die spartanische Gesellschaft in Form der anderen Jungen in der Agoge und durch deren Aufseher ersetzt, bis die jungen Männer dann im Alter von 20-30 Jahren auf den Eintritt als voll- und gleichwertige Bürger Spartas in die spartanische Gesellschaft vorbereitet wurden.

Auch der Vergleich mit der Ephebeia, welcher vor allem im 19. Jhd. vorgenommen wurde (vgl. .Vidal-Naque, S. 49), zeigt mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Systemen auf. Wahrend die Ephebeia lediglich zwei Jahre andauerte, zog sich die Agoge über mindestens 13 Jahre (wenn die Krypteia als „Abschlussprüfung“ angenommen wird), wenn nicht sogar über 23 Jahre hinweg. Der psychologische und pädagogische Einfluss, welcher der spartanische Staat auf seinen Nachwuchs ausübte ist alleine dadurch schon um ein Vielfaches größer. Und selbst wenn die Ephebeia nur der Krypteia und nicht der gesamten Agoge gegenüber gestellt wird, so sind die Differenzen auch hier überdeutlich: Nachdem die spartanischen Jünglinge schon über ein Jahrzehnt auf das Leben als loyale Soldaten im Dienste des Staates vorbereitet wurden, wurden sie auf sich allein gestellt in die Wildnis entsandt um deren Überlebensfähigkeiten auf die Probe zu stellen und um unbewaffnete und unschuldige Sklaven wann immer möglich zu töten, um diese im Zaum zu halten. Im Gegensatz hierzu hatten nur die privilegierteren unter den Ephebi zum Zeitpunkt des Eintritts in die Ephebeia bereits eine Unterweisung in der Gumnastike genossen und damit zumindest Erfahrung im sportlichen Wettkampf. Die tatsächliche militärische Ausbildung begann allerdings erst dann und ähnelt mehr einer militärischen Grundausbildung, wie diese auch heute noch üblich ist. Darüber hinaus findet sich in der Ephebeia kein Vergleich zum Mord an den Heloten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Agoge im Vergleich zu anderen Bildungsansätzen im antiken Griechenland wie dem Athens vor allem durch ihre intensive staatliche und gesellschaftliche Regulierung und Egalisierung, ihren Schwerpunkt auf eine militaristische Erziehung und durch die Intervenierung in die intimsten Aspekte des Familienlebens unterscheidet. All diese Aspekte finden sich nicht, oder zumindest nicht in dieser Intensität und in diesem Ausmaß, im antiken Athen. Während heranwachsende junge Männer im antiken Sparta von Kindesbeinen an darauf gedrillt wurden, dass der Staat und die Gesellschaft als Kollektiv absoluten Vorrang vor dem Individuum hatten wurde diesem in Athen durch die Demokratie eine Stimme und Einfluss auf das politische Geschehen gegeben. Damit sollte zur Genüge belegt sein, dass sich die Agoge in der klassischen Periode grundlegend von anderen Erziehungssystemen unterschied.

Primärliteraturverzeichnis

Sekundärliteraturverzeichnis

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