Stückwerk-Technik vs. holistischer Utopismus

  1. Einleitung
  2. Engineering Society: Stückwerk-Technik vs. holistischer Utopismus
    1. Schrittweise Veränderung: Die Stückwerk-Technik
    2. Radikale Revolution: Der holistische Utopismus und seine Beziehung zum Historizismus
    3. Stückwerk-Technik als Alternative zum Holismus?
      1. Wie effektiv kann die Stückwerk-Technik als Methode zur gesteuerten gesellschaftlichen Veränderung sein?
      2. Wie groß ist der Unterschied zwischen Stückwerk-Technik und dem holistischen Ansatz tatsächlich?
  3. Fazit

1 Einleitung

„Historicism, as Popper understands it, is not just an intellectual error, of interest only to professional philosophers; it is a prime source of moral and political devastation.“ (Passmore 1975, S. 30).

Mit diesen Worten leitet John Passmore sein Review eines der einflussreichsten Werke Karl Poppers, The Poverty of Historicism (Das Elend des Historizismus), ein. Passmore verdeutlicht damit die reelle Bedrohung, welche Popper im Historizismus sah und erklärt damit teilweise die Motivation, welche Popper zum Verfassen dieses Werkes bewegte. Hiermit soll keinesfalls der Eindruck erweckt werden, dass es sich beim Elend des Historizismus um eine emotional geprägte Predigt gegen diejenigen geschichtsphilosophischen Ansätze, welche er unter dem Begriff des Historizismus zusammenfasst und die er unter anderem auch implizit (nur selten explizit, zumindest in diesem Werk, und dann oftmals auch nur beiläufig (vgl. Popper 20037, u.a. S. 64 oder S. 75)) dem Marxismus zuschreibt, handelt. Ganz im Gegenteil, Popper ging es mit diesem Werk darum, den Standpunkt bzw. die Standpunkte der „Historizisten“, wie er die Anhänger dieser unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Ansätze (welche er selbst grob in Pronaturalisten und Antinaturalisten unterteilt) nennt, so klar und deutlich wie möglich darzustellen, um diese dann umso überzeugender durch, seiner eigenen Meinung nach, wissenschaftlichere Ansätze zu widerlegen und zu ersetzen. Was dies im Detail bedeutet, soll diese Arbeit im Folgenden untersuchen, mit besonderem Augenmerk auf Poppers Stückwerk-Technik („Piecemeal-Technology“).

Diese Stückwerk-Technik, bei welcher es sich laut Popper um ein Werkzeug zur „stückweisen“ Verbesserung der Gesellschaft handelt, soll zunächst im Kontext des Elends des Historizismus dargestellt werden, um eine möglichst kritische Auseinandersetzung mit dieser Methode zu ermöglichen. Daraufhin wird sie ihrem Antagonisten, welche Popper wahlweise als utopische oder holistische Sozialtechnik bezeichnet und welche in dieser Arbeit unter dem Begriff des holistischen Utopismus zusammengefasst wird, gegenübergestellt und mit jenem verglichen. In diesem Zusammenhang ist es von besonderer Bedeutung, die Beziehung zwischen holistischem Utopismus und Historizismus zu erklären und wieso die Stückwerk-Technik eine – Popper zufolge – bessere Alternative zu den holistischen Methoden Selbiger darstellt. Anschließend wird die Stückwerk-Technik einer kritischen Prüfung unterzogen; hierbei soll zum einen untersucht werden, ob sich diese Methode tatsächlich zu signifikanten Veränderungen der Gesellschaft im Allgemeinen durch minimale Eingriffe in einzelne Aspekte selbiger eignet und zum anderen, ob sie sich letztendlich tatsächlich so stark vom Utopismus unterscheidet, wie auf den ersten Blick erscheinen mag.

Zur Durchführung dieser Untersuchung wird natürlich vor allem auf Das Elend des Historizismus selbst, aber auch auf mehrere Aufsätze aus philosophischen, sozial- sowie politikwissenschaftlichen Fachzeitschriften zum Werk und zu den Themen des Utopismus, Holismus und der Stückwerk-Technik, sowie auf Reviews zum Werk selbst zurückgegriffen werden.

Abgerundet wird die Arbeit durch ein Fazit, in welchem eine Bilanz zur tatsächlichen Effektivität und Anwendbarkeit der Stückwerk-Technik und zur Problematik von Popper’s Definition Selbiger im Vergleich mit dem holistischen Utopismus gezogen wird. Hierbei soll gezeigt werden, dass es sich bei Poppers Stückwerk-Technik um eine Methode mit Potential zur Veränderung und Verbesserung der Gesellschaft handelt, auch wenn die Definition dieser Methode und die Abgrenzung zum holistischen Utopismus durch Poppers Formulierungen teilweise schwer fällt. Was teilweise als argumentative Schwäche des Elend des Historizismus gewertet wurde bietet allerdings gleichzeitig die Möglichkeit zur Modifikation dieses Ansatzes zur verbesserten Anwendung auf reelle gesellschaftliche Probleme, wie am Ende dieser Arbeit deutlich geworden sein sollte.

2 Engineering Society: Stückwerk-Technik vs. holistischer Utopismus

In Popper’s Werk geht es, wie der Titel schon nahelegt, hauptsächlich um eine Kritik des Historizismus. Diesen geschichtsphilosophischen Ansatz bzw. diese Ansätze, denn was genau Popper unter Historizismus versteht bzw. was unter diesen Begriff fällt ist nicht immer ganz klar, sieht er in einer „unheiligen Allianz“ (Popper 20037,S. 63) verbunden mit anderen Ansätzen, welche er als Holismus bzw. Utopismus bezeichnet, und welche aufgrund dieser Verbindung ebenfalls scharf kritisiert werden. Gekennzeichnet werden diese Ansätze, welche im Folgenden unter dem Begriff holistischer Utopismus zusammengefasst werden, Popper zufolge durch ihre Methodik: Die Gesellschaft soll ganzheitlich (holistisch) und am Besten auf ein Mal den Vorstellungen (welche Popper zufolge utopisch sind) eines Individuums oder einer Gruppe entsprechend umgekrempelt werden. Holismus und Utopismus werden von Popper zum größten Teil synonym verwendet (vgl. Freeman 1975, S. 21), die Bezeichnung des holistischen Utopismus macht jedoch Sinn, bedenkt man, dass Poppers Kritik vor allem der Zielsetzung der Holisten gilt, welche – seiner Darstellung nach – auf einen utopischen und damit idealisierten, jedoch unerreichbaren und damit unrealistischen Gesellschaftszustand hinausläuft, welcher mit holistischen Mitteln erreicht werden soll, worauf im Laufe der Arbeit noch zurückzukommen sein wird.

Diesen Mitteln stellt Popper die von ihm als solche bezeichnete Stückwerk-Technik bzw. -Technologie (vgl. Popper 20037, S. 51) gegenüber. Was es mit Selbiger im Detail auf sich hat soll im Folgenden als Erstes erörtert werden, gefolgt von einer genaueren Betrachtung des holistischen Utopismus in der Darstellung Poppers. Während dieser Untersuchung werden zwangsweise auch immer wieder Vergleiche der einen Methode zur anderen herangezogen werden (müssen), da Popper beide Methoden, zumindest anfangs, vor allem durch ihre Unterschiede voneinander abgrenzt bzw. definiert, auch wenn diese Abgrenzung bereits während der Dar- bzw. Gegenüberstellung beider Methoden unscharf wird, wie er selbst zugibt (vgl. ebd., S. 60).

2.1 Schrittweise Veränderung: Die Stückwerk-Technik

Die Stückwerk-Technik taucht zum ersten Mal im Zusammenhang mit den Methoden des Historizismus, welche Popper eigenen Aussagen zufolge offensichtlich ablehnt, im Elend des Historizismus auf. Popper beschreibt diese Methode, im Gegensatz zu jenen des Historizismus, welchen er einen holistischen bzw. utopischen Charakter zuschreibt, als eine erfolgreiche (vgl. Popper 20037, S. 51). Die Bezeichnung als Stückwerk-Technik weist hierbei schon auf die Natur der Methode hin: Im Gegensatz zu einem groß angelegten und ganzheitlichen Plan zur Umwälzung der Gesellschaft, welcher den holistischen Ansätzen zugrunde liegt, soll diese Technik als „Herumbasteln“ verstanden werden, was Popper zufolge „in Verbindung mit kritischer Analyse das beste Mittel zur Erlangung praktischer Resultate in den Sozial- wie in den Naturwissenschaften“ ist (ebd., S. 52). Er spricht damit das Prinzip von Versuch und Irrtum an, dass seiner Meinung nach jeglicher wissenschaftlicher Forschung zugrunde liegt und somit auch den Sozialwissenschaften und im Rahmen derselben auch der Stückwerk-Technik zugrunde liegen sollte (vgl. ebd., S. 50-52). Allgemein sieht er diese Technik analog zur „naturbearbeitenden Technik“ (ebd., S.57), ein Begriff, unter welchen theoretisch verschiedene Methoden zur Veränderung und Bearbeitung der Natur verstanden werden können, welche den naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegen und sich diese – soweit möglich – zunutze machen (vielleicht läge auf den ersten Blick und in einer wörtlichen Auslegung des Begriffs etwa ein Landschaftsgärtner als naturbearbeitender Techniker nahe, hier würde Popper allerdings wahrscheinlich der wissenschaftliche, vor allem der physikalische Aspekt, zu kurz kommen). Popper selbst bezieht sich allerdings immer wieder explizit auf das Ingenieurwesen und sieht somit auch die Stückwerk-Technik diesem Zweig der naturbearbeitenden Techniken am nächsten, im englischen wird deswegen auch des Öfteren vom „Social Engineering“ gesprochen. Man könnte aus der Sicht Poppers schon fast von einer Wesensverwandtheit beider Methoden miteinander sprechen, lediglich angewandt auf verschiedene Aspekte der Wirklichkeit: Zum einen auf die durch die physikalischen Naturgesetze bestimmte Natur im Falle des Ingenieurs und zum anderen auf die soziale Welt des Menschen, die Gesellschaft, im Falle des Stückwerk-Technikers.

Ähnlich wie Poppers naturbearbeitender Ingenieur, der herausfinden will, wie man am Besten eine Brücke baut (in diesem Beispiel macht es unter Umständen Sinn davon auszugehen, dass noch nie zuvor eine Brücke gebaut wurde), muss der Stückwerk-Techniker durch Herumbasteln und -probieren in kleinem Maßstab herausfinden, was für sein Ziel die beste Vorgehensweise bzw. die beste Methode ist. Der Ingenieur baut nicht die ganze Brücke auf einmal, sondern zerlegt („zerstückelt“) diesen Prozess in mehrere Schritte, welche einzeln angegangen werden müssen. Ähnlich muss der Stückwerk-Techniker mit der Gesellschaft umgehen. Er kann die Gesellschaft nicht als Ganzes „umbauen“, wie es der Holist tun würde, da dieser Ansatz von Popper als utopisch abgelehnt wird (mehr hierzu im Detail im nächsten Unterkapitel). Stattdessen muss er sich auf einzelne, möglichst kleine, Aspekte der Gesellschaft konzentrieren und versuchen, diese zu verbessern. Diese Aspekte können z.B. durch „soziale Institutionen“, welche der Techniker entweder entwirft, umgestaltet, oder in Stand hält, den Vorstellungen des Technikers entsprechend verändert werden (vgl. ebd.). Sollte er fehlschlagen hat dies weniger weitreichende Konsequenzen als beim Holisten, da prinzipiell nur kleine Veränderungen und Eingriffe vorgenommen werden. Dies ermöglicht es dem Techniker auch, aus seinen Fehlern zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen, ähnlich wie der Ingenieur, der einen Prototyp der Brücke, aufgrund von beispielsweise mangelhafter struktureller Integrität, verbessert, oder ein Naturwissenschaftler, welcher bemerkt, dass die Bedingungen seines Experiments nicht ideal sind, und diese daraufhin verändert.

Russell Prices Interpretation des Stückwerk-Technikers zufolge geht es Popper hierbei um „the method of searching for, and fighting against, the greatest and most urgent evils of society, rather than searching for, its greatest ultimate good.“ (Price 1960, S. 152). Letzteres Ziel unterstellt er den Holisten und bezeichnet es als „if at all attainable, is far distant“ (ebd.). Unter anderem aus diesem Grund begrenzt sich der Stückwerk-Techniker auf kleiner Änderungen in Form der Behebung kleinerer Übel (vgl. ebd.), oder – wie Afisi es ausdrückt – „to identify problems at hand and begin to take a series of incremental steps to finding solutions to it.“ (Afisi 2020, S. 12). Die Stückwerk-Technik kann in diesem Sinne auch als „negative utilitarianism“ verstanden werden, welcher „requires us to promote the least amount of evil or harm, or to prevent the greatest amount of suffering for the greatest number [of people].“ (Afisi 2012, S. 7).

Als Grund für diese in ihrem Maßstab begrenzen Änderungen gibt Popper unter anderem an, dass zu große, in die Gesellschaft einschneidende Veränderungen, zu viele unvorhergesehene Konsequenzen nach sich ziehen könnten. Des Weiteren könnten bei diesen größeren Eingriffen unabsichtliche Veränderungen, welche tatsächlich von Seiten des Sozialtechnikers verursacht worden sind, der Erreichung des angestrebten Ergebnisses abträglich sein, also entgegen dem Ziel der Verbesserung der Gesellschaft im Sinne des jeweiligen Sozialtechnikers wirken. Hierbei würde es sich also um unerwünschte Nebenwirkungen handeln. Denn auch wenn der Stückwerk-Techniker nicht auf eine Veränderung der Gesellschaft auf einen Streich aus ist, so kann er, Popper zufolge, doch auch eine Vorstellung einer – in seinem oder ihrem Sinne – besseren Gesellschaft als Ganze besitzen, ähnlich wie der Holist. Anders als Selbiger geht er diese Verbesserung bzw. Veränderung der Gesellschaft jedoch stückweise an, worin Popper selbst zunächst einen Hauptunterschied zum Holismus und zum Utopismus skizziert. Die angestrebten Veränderungen können selbstverständlich, je nach den Vorstellungen des jeweiligen Technikers, ganz unterschiedlicher Natur sein, sowohl freiheitlich-demokratisch, als auch autoritär oder anderweitig politisch oder ideologisch motiviert, wie Popper zugibt (vgl. Popper 20037, S. 59). Man darf aber wahrscheinlich davon ausgehen, dass das Risiko drastischer Entwicklungen in die Richtung Letzterer Poppers Meinung nach bei der Stückwerk-Technik sehr viel geringer ist, als bei der holistischen Methode (vgl. ebd. und S. 70 f.). Irzik zufolge ist die Vermeidung menschlichen Leids sogar der Hauptgrund für Poppers Methode der Gesellschaftsreform (vgl. Irzik 1985, S. 5), auch wenn prinzipiell nichts dagegen spricht, dass sich ein totalitäres Regime den Methoden der Stückwerk-Technik bemächtigt, um die Wahrscheinlichkeit des Auftretens unerwünschter Nebenwirkungen zu verringern und sich ihre Macht so zu sichern (vgl. ebd., S. 9). Aus welchen Gründen dies bei der holistischen Methode aus Sicht Poppers wahrscheinlicher erscheint, soll im Folgenden dargestellt werden.

2.2 Radikale Revolution: Der holistische Utopismus und seine Beziehung zum Historizismus

Ziel des holistischen Utopismus ist es Popper zufolge, ein utopisches, im Sinne von einem unerreichbaren und somit unrealistischen, Ideal durch einen ganzheitlichen, planmäßigen Eingriff in die Gesellschaft zu verwirklichen. Um dieses Ideal zu erreichen muss der holistische Utopismus zwangsweise auf die Institutionen des Staates zurückgreifen oder aber das bestehende Regierungssystem innerhalb einer Gesellschaft bzw. eines Staates stürzen und sich selbst der Regierungsgewalt bemächtigen um die Gesellschaft den Vorstellungen des bzw. der Utopisten gemäß ganzheitlich umgestalten zu können (vgl. Popper 20037,S. 70 f.). Das bedeutet, dass der holistische Utopismus zwangsweise öffentlicher Natur sein muss, während die Stückwerk-Technik auch auf privater Ebene wirken kann (vgl. ebd., S. 59 f.), worin Popper aufgrund der Implikationen für Staat und Gesellschaft, welche eben kurz angerissen wurden, ein Problem sieht.

Der Grund, aus welchem Popper den holistischen Utopismus überhaupt erst in einem Werk anspricht, welches primär der Kritik des Historizismus gilt, ist „die unheilige Allianz“, welche beide Ansätze Popper zufolge oft miteinander verbindet. Der Historizismus, so wie er von Popper skizziert wird, kann sich selbst als „›holistische‹ Technologie“ (im Gegensatz zur zunächst nur auf einzelne Aspekte der Gesellschaft bezogenen Stückwerk-Technik) verstehen (vgl. ebd. S. 62-65), nämlich dann, wenn er sich „im Bündnis mit eben den Ideen [befindet], die für die holistische oder utopische Sozialtechnik typisch sind, etwa mit der Idee der ›Neuordnung der Gesellschaft‹ oder der ›zentralen Planung‹.“ (ebd., S. 65). Gemein ist dem Historizismus und dem holistischen Utopismus also, dass es ihnen um das große Ganze geht, um die Gesellschaft an sich und nicht um dessen Bestandteile oder Einzelaspekte. Der Historizismus prophezeit einen gewissen Wandel der Gesellschaft und der Holismus versucht eine solche tiefgreifende soziale Entwicklung gezielt hervorzubringen (vgl. ebd., S. 66). Dies könnte aus der fast schon fatalistischen Sicht, welche Popper zumindest manchen Historizisten zuschreibt, gesellschaftliche Entwicklungen ließen sich nicht aufhalten (vgl. ebd., S. 43-46), zunächst widersprüchlich erscheinen. Die Pläne und die daraus resultierenden Taten der Holisten und Utopisten könnten allerdings als Manifestation gewisser sozialer Kräfte (vgl. ebd., S. 34-36) und Tendenzen (vgl. ebd., u.a. S.19), um Poppers Terminologie zu verwenden, interpretiert werden und somit wieder ins Bild der historischen Entwicklung der Gesellschaft innerhalb von zumindest einer Art von Poppers Historizismus passen. Popper zufolge glauben „Sowohl der Historizist als auch der Utopist […], die wahren Endziele ›der Gesellschaft‹ etwa dadurch finden zu können, dass sie deren historische Tendenzen feststellen“ (ebd., S. 66), die Gesellschaft also auf gewisse Strömungen und Trends hin untersuchen und aufgrund der Ergebnisse dieser Untersuchung Voraussagen über zukünftige soziale Entwicklungen treffen können. Der Historizist, so, wie ihn Popper skizziert, geht nun davon aus, dass diese Entwicklungen nicht aufzuhalten sind und dass das Einzige (bzw. das Beste), was nun zu tun ist, die Gesamtheit der Gesellschaft so ganzheitlich wie möglich auf die kommenden Veränderungen vorzubereiten, er bedient sich also zur Erreichung dieser „wahren Endziele“ Methoden des Holismus (ebd., S. 74 f.). Popper hat es auch so ausgedrückt, dass die holsitisch-historizistische Sozialtechnik durch diese Vorbereitungen „dazu beitragen kann, die Geburtswehe einer neuen historischen Epoche abkürzen und […] mildern“ (ebd., S.63) zu können. Dabei geht der Historizist bzw. der Holist natürlich davon aus, dass seine Voraussagen bzw. Prophezeiungen verlässlich sind. (Hierbei kann also nur die Rede von die gesamte Gesellschaft betreffende, großspurige und über einen langen Zeitraum bzw. stattfindenden Entwicklungen sein, welche bei Popper „Großprognosen“ genannt werden, im Gegensatz zu – Poppers Historizisten zufolge – weniger verlässliche, auf zeitlich weniger weit entfernte und sehr viel spezifischere Aspekte der Gesellschaft bezogene Voraussagen). Diese Prognosen zeichnen den Historizismus im Allgemeinen Popper zufolge übrigens aus (vgl. ebd., S. 32 f. und S. 34-48) und sind einer der größten, wenn nicht sogar der größte Kritikpunkt Poppers am Historizismus, so wie er im Elend des Historizismus dargestellt wird.

Der Historizismus und Holismus sind sich außerdem „darin einig, daß ein Sozialexperiment […] nur dann von Wert sein könnte, wenn es in holistischem Maßstab durchgeführt würde.“ (ebd., S. 76,), womit die Stückwerk-Technik als alternativer Ansatz zur Veränderung der Gesellschaft für den Historizisten bzw. Holisten wegfällt (vgl. ebd.). Des Weiteren kritisiert Popper, wie bereits im vorangegangen Unterkapitel angesprochen, dass man aus dem ganzheitlichen Vorgehensweisen des Holismus nichts lernen könne, da solch einschneidende Veränderungen in die Struktur der Gesellschaft zwangsweise so viele Konsequenzen nach sich ziehen würde, dass es unmöglich ist, diese bestimmten Ursachen zuzuweisen (vgl. ebd., S. 79). In diesem Zusammenhang steht auch Poppers Einschätzung des Holismus als „vorwissenschaftlich, da er – anders als die Stückwerk-Technik – sich nicht einzelnen Aspekten von etwas widmet, wie dies andere Wissenschaften tun, sondern eben ganzheitlich arbeitet (vgl. Freeman 1975, S. 21).

Den größten Unterschied zwischen Stückwerk-Technik und den Methoden des holistische Utopismus sieht Popper allerdings in den Implikationen, welche die Anwendung der jeweiligen Methode für die gesellschaftliche Ordnung hat. Im Gegensatz zur Stückwerk-Technik, welche sowohl für autoritäre bzw. totalitäre, als auch für freiheitlich-demokratische Zwecke eingesetzt werden kann, sieht Popper den holistischen Utopismus ausschließlich mit Ersteren assoziiert, da dessen Methoden eine „centralization of power“ voraussetzen und damit die „individual liberty“ der Mitglieder einer Gesellschaft gefährden und Widerstand gegen ihren Plan zwangsweise unterdrücken müssen (vgl. ebd., S. 22 und Popper 20037, S. 70f.). Inwiefern ganzheitlichere Herangehensweisen vielleicht doch einen Platz in der freiheitlich-liberalen sozialtechnischen Methodik haben können und wie die Grenze zwischen solchen Ansätzen und der Stückwerk-Technik verschwimmt, soll im Folgenden untersucht werden.

2.3 Stückwerk-Technik als Alternative zum Holismus?

Wie bereits erwähnt wurde wies Popper selbst auf das Problem der Ähnlichkeit oder der „unscharfen Trennungslinie“ (Popper 20037, S.60) zwischen der Stückwerk-Technik und der holistischen Sozialtechnik hin. In der Forschungsliteratur zu den sozialwissenschaftlichen Theorien Poppers im Allgemeinen und im Elend des Historizismus im Besonderen wurde dieser Umstand oft kritisiert und einige dieser Kritiken werden in diesem Unterkapitel näher untersucht und der Darstellung Poppers gegenübergestellt. Von besonderem Interesse wir hierbei sein, wie sehr sich die Stückwerk-Technik tatsächlich von der holistischen Methodik unterscheidet und ob andere Ansätze, die möglicherweise zwischen diesen beiden Extremen angesiedelt sind, effektive Alternativen bieten.

2.3.1 Wie effektiv kann die Stückwerk-Technik als Methode zur gesteuerten gesellschaftlichen Veränderung sein?

In seinem 2018 erschienenen Review des Elend des Historizismus beschreibt Jack Birner die Stückwerk-Technik als eine Methode, welche es ermöglicht, von Fehlern zu lernen, eine „conclusion, which expresses both optimism and humility“ und bezeichnet diese als „the most important message of The Poverty of Historicism.“ (Birner 2018, S. 192). Doch wie sinnvoll kann diese Methode tatsächlich angewandt werden, wenn immer nur ein einzelner, möglichst kleiner Aspekt der Gesellschaft möglichst wenig verändert wird, um unvorhergesehene Nebenwirkungen zu vermeiden (vgl. Afisi 2020, S. 13 und Irzik 1985, S. 1 f.)?

Diese Frage stellt sich Oseni Taiwo Afisi in zwei Aufsätzen zur Stückwerk-Technik (Afisi 2012 und 2020) und kritisiert an Poppers Ansatz, dass dieser sich zu sehr an der Theorie orientiert (vgl. Afisi 2020, S. 12) und zitiert im Bezug auf seine eigene Kritik Irzik, welcher die Stückwerk-Technik folgendermaßen zusammenfasst: „Irzik interprets Popper as insisting upon the maxims (a) change as few variables as possible, and (b) make quantitatively small changes.“ (ebd., S. 13). Beide Maximen werden von Irzik abgelehnt, vor allem auch deswegen, dass es auf diese Art und Weise sehr lange dauern würde, bis signifikante Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft erreicht werden könnten (vgl. ebd. und Irzik 1985, S. 1f.). Dies ist durchaus nachvollziehbar, da diejenigen Gesellschaften, welche am meisten von Veränderungen profitieren können in der Regel auch die sind, welche diese Veränderungen am nötigsten haben (vgl. Afisi 2012, S. 1-3). Wenn Reformen allerdings zu lange auf sich warten lassen kann dies wiederum negative Konsequenzen nach sich ziehen. Irzik gesteht allerdings ein, wie Popper, dass größere Eingriffe in die Gesellschaft unvorhergesehene und unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen können und es dabei schwer werden kann, diese bestimmten Ursachen zuzuordnen (vgl. Afisi 2020, S. 14). Stattdessen schlägt Afisi vor, „many-pieces-at-once“ einer Gesellschaft zu verändern, mit dem Ziel der schnelleren und effektiveren Verbesserung Selbiger, eine Methode, an welcher er nichts prinzipiell konträres oder „revolutionary“ zu Poppers Stückwerk-Technik sieht. Ganz im Gegenteil, diesen Ansatz sieht er als eine realistische Verbesserung der Stückwerk-Technik Poppers, bei welcher zwar nicht mehr alle Konsequenzen so gut nachvollziehbar sind, wie bei den einzelnen Eingriffen der Stückwerk-Methode, die allerdings den großen Vorteil hat, dass signifikante Veränderungen einer Gesellschaft in einem kürzerem Zeitraum möglich werden (ebd.). Seine Hauptargumente gegen die Stückwerk-Technik sind unter anderem, dass diese schlichtweg zu langsam und nicht umfangreich genug im Ausmaß ihrer Maßnahmen ist, um signifikante Veränderungen vorzubringen, und dass es die Situation oft verlangt, mehrere Dinge auf einmal in Angriff zu nehmen anstelle eines einzelnen Aspekts (vgl. Afisi 2012, S. 2 f.) Darüber hinaus, argumentiert Afisi, verändert sich die Gesellschaft unabhängig von Sozialtechnikern, und damit dürften sowohl Stückwerk-Techniker als auch „Many-pieces-at-once-Techniker“ und Holisten gemeint sein (vgl. Afisi 2020, S. 14). Dies könnte einen Ansatz, wie den der Stückwerk-Technik, besonders schwer machen, da diese damit rechnet, Veränderungen in der Gesellschaft kausal auf unter anderem die Eingriffe eines Stückwerk-Technikers zurück führen zu können, was natürlich nicht immer der Fall ist bzw. sein kann. Des Weiteren könnten geplante Eingriffe obsolet werden, da die Stückwerk-Technik es nicht schafft, mit den von ihr unabhängigen Veränderungen innerhalb der Gesellschaft mitzuhalten, und, falls der Stückwerk-Techniker einen Plan bzw. eine Idee für eine ideale Gesellschaft hat, welche sein Vorgehen motiviert, könnte dieser Plan vereitelt bzw. diese Idee durch diese unabhängigen Veränderungen zunichte gemacht werden. Es muss allerdings zugegeben werden, dass zu große Veränderungen zu ähnlichen Ergebnissen führen können, wie Irzik anmerkt: „Furthermore, if we introduce changes that are too big, we might end up destroying the system we want to change for the better.“ (Irzik 1985, S. 2).

Wie bereits angesprochen wurde, definiert Irzik die Stückwerk-Technik Poppers als auf Maximen der möglichst geringen Veränderung beruhend, zum einen durch eine möglichst geringe Veränderung der Anzahl der Variablen und zum anderen durch möglichst geringe Veränderung dieser Variablen (vgl. ebd.). Im Bezug auf zum Beispiel die Altersvorsorge könnte damit lediglich eine relativ geringe Erhöhung des Rentenbeitrages anstelle einer grundlegenden Reform des gesamten Gesundheitssystems einer Gesellschaft gemeint sein. Popper ist Irzik zufolge der Meinung, dass beide Arten der Stückwerk-Technik sowohl „as a method to obtaining scientific knowledge“, als auch „as a method of changing society“ (ebd.) verwendet werden können, eine Unterscheidung, welche Irzik auf Shaw zurückführt. Der springende Punkt ist hierbei, dass Popper Irziks Interpretation gemäß diese Methoden nicht strikt voneinander trennt, das soll heißen, dass sowohl eine möglichst geringe Veränderungen der Anzahl der Variablen als auch eine möglichst geringe Veränderung der Variablen selbst zu beiderlei Zielen eingesetzt werden können: Sowohl zur wissenschaftlichen Forschung als auch zur Reform der Gesellschaft bzw. Aspekte der Selbigen. Irzik zufolge ergänzen sich beide Ansätze in Poppers Darstellung sogar (vgl. ebd.). Er kritisiert allerdings, dass diese relativ kleinen Veränderungen nicht immer der Beste Weg zur Lösung eines Problems sein können. Manche Probleme verlangen es, drastischere Eingriffe in die Gesellschaft vorzunehmen. Aus diesem Grund kann und soll im Voraus nicht bestimmt werden, dass man ausschließlich kleinere Veränderungen im Sinne der Stückwerk-Technik vornehmen darf, wenn gewisse Situationen es erforderlich machen können, größere Änderungen vorzunehmen. Darüber hinaus kann es sein, dass sich kleinere gesellschaftliche Veränderungen überhaupt nicht bemerkbar machen, vor allem in Fällen, in welchen das Verhältnis von Ursache und Wirkung von vorn herein „relatively weak“ ist (vgl. ebd., S. 5). Es kann allerdings auch passieren, dass auf den ersten Blick kleine Änderungen weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen, wie Irzik am Beispiel der Einführung von stählernen anstelle von steinernen Äxten in eine Gruppe australischer Ureinwohner illustriert. Die Steinaxt war für diese Gruppe ein wichtiges und wertvolles Handels- und Prestigeobjekt, welches sogar eine Rolle in der Kosmologie der Ureinwohner spielte, und für welches die Rohmaterialien von anderen Gruppen erworben werden mussten. Durch die Einführung der Stahlaxt seitens westlicher Missionare war dieser Handel zwischen den Gruppen jedoch nicht mehr notwendig und der spirituelle sowie sozioökonomische Wert der Äxte fiel dramatisch aufgrund der besseren Verfügbarkeit des Werkzeugs. Eine relativ kleine, trivial erscheinende Änderung hatte hier also weitreichende kulturelle, das Weltbild einer Gesellschaft verändernde, Konsequenzen (vgl. ebd.).

Dieses Beispiel zeigt, dass selbst augenscheinlich insignifikante Eingriffe in eine Gesellschaft dramatische Nebenwirkungen nach sich ziehen können und es sich dadurch im Nachhinein herausstellt, dass diese Veränderung gar nicht so klein war, wie zuvor angenommen. Das Problem ist also jenes der unvorhergesehenen, jedoch weitreichenden Konsequenzen, welche selbst bei kleinsten Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft auftreten können (vgl. ebd. S. 6f.). Popper selbst hat natürlich im Hinblick auf den Holismus und dessen einschneidende Eingriffe in die Gesellschaft auf dieses Problem hingewiesen und es muss ihm zugute gehalten werden, dass dieses Risiko bei kleineren Eingriffen höchstwahrscheinlich generell geringer eingeschätzt werden kann. Vollkommen sicher vor unvorhergesehenen, jedoch gravierenden Konsequenzen jener Art, ist man hierdurch allerdings nicht, wie Irziks Beispiel illustriert.

Dass Gegenteil kann allerdings auch der Fall sein, nämlich, dass die Stückwerk-Technik nicht weit genug geht, wie Irzik am Beispiel einer Bauerngemeinde, welcher mithilfe der Stückwerk-Technik geholfen werden soll aufzeigt. Irziks Maximen Selbiger gemäß wird eine möglichst geringe Anzahl an Variablen, in diesem Fall lediglich eine, das Einkommen, möglichst gering verändert, in diesem Fall gering erhöht. Der Lebensstandard der Bauern verbessert sich allerdings nicht. Man könnte nun den Schluss ziehen, es bestünde kein Zusammenhang zwischen dem Lebensstandard der Bauern und deren Einkommen, da keine Veränderung festgestellt werden konnte. Dass dies absurd ist, liegt auf der Hand, das Beispiel zeigt allerdings, dass zumindest eine so strenge Auslegung der Stückwerk-Technik gemäß Irziks herausgearbeiteten Maximen nicht immer zielführend bzw. zweckmäßig sein kann. Darüber hinaus argumentiert Irzik, dass auch andere Aspekte zur Verbesserung des Lebensstandards beitragen können, welche bei der Stückwerk-Technik aufgrund der Maxime der möglichst geringen Anzahl der zu verändernden Variablen unter Umständen nicht beachtet werden bzw. werden können (vgl. ebd., S. 7f.). Irziks Punkt ist also, dass das spezifische Vorgehen, ob Stückwerk-Technik oder anderweitig, letztendlich von der Art des Problems abhängt. Vor allem „If a group or an entire society is in a desperate situation, that is, if the problem is too serious and the solution is urgent, then the logic of the situation may dictate a strategy other than piecemeal planning.“ (ebd., S. 8).

Auch Price geht davon aus, dass „the degree of complication [der gesellschaftlichen Probleme] which we can tackle is governed by the degree of our experience gained in conscious and systematic engineering.“ (Price 1960, S. 152 f.), er zeigt sich also optimistisch, was die Anwendung der Stückwerk-Technik auf größere gesellschaftliche Probleme angeht, vorausgesetzt, man hat vorher die nötigen Erfahrungen gemacht, vielleicht auch durch Modifikationen der Stückwerk-Technik im Sinne der many-pieces-at-once-Technik Afisis, welche wiederum auf der Kritik Irziks an Poppers Stückwerk-Technik aufbaut. Dies setzt allerdings voraus, dass die Stückwerk-Technik tatsächlich so strikt ist, wie sie von Irzik und teilweise auch von Afisi ausgelegt wird. Ob dies tatsächlich der Fall ist und, falls nicht, wie groß der Unterschied zu weiter reichenden, gar holistischen Ansätzen wirklich ist, soll nun abschließend untersucht werden.

2.3.2 Wie groß ist der Unterschied zwischen Stückwerk-Technik und dem holistischen Ansatz tatsächlich?

Popper weist bereits selbst bei seiner Darstellung der Stückwerk-Technik, genauer gesagt bei der Gegenüberstellung mit dem holistischen Utopismus, darauf hin, „Man könnte die Frage stellen, ob die Stückwerk-Technik und der Holismus, wie sie hier beschrieben werden, grundlegend verschieden sind“ (Popper 20037, S. 60). Er gibt kurz darauf auch zu, dass „Stückwerk-Methoden“ zu tiefgreifenden Änderungen der Gesellschaft führen können, ähnlich dem Holismus, und dass er selbst „nicht versuchen [wird], zwischen den beiden Methoden eine scharfe Trennungslinie zu ziehen“ (ebd.).

Wie bereits dargestellt wurde, bezieht sich der utopistische Holismus Popper zufolge grundsätzlich auf die Gesellschaft als Ganze und will diese – am Besten auf einen Streich – restrukturieren bzw. revolutionieren. Die Stückwerk-Technik dagegen kann – und soll es wohl grundsätzlich auch – auf einzelne Aspekte der Gesellschaft angewandt werden, wobei dahinter auch ein Plan zur Veränderung der Gesellschaft als Ganzer oder zumindest größerer Teile Selbiger stecken kann. Popper gesteht ein, dass manche Änderungen, welche ein Stückwerk-Techniker vornimmt bzw. vornehmen kann, in ihrem Ausmaß ähnlich den angestrebten Veränderungen des Holisten ausfallen können. Und eben das ist es, worauf Popper sich bezieht, wenn er sagt, dass er keine scharfe Trennlinie zwischen beiden Methoden ziehen möchte. Nun stellt sich die Frage (welche Popper auch stellt), was die Stückwerk-Methode letztendlich vom Holismus unterscheidet, wenn es doch nicht – wie zuvor der Eindruck erweckt wurde – die Größe des Eingriffs selbst ist. Diese Frage beantwortet Popper mit der „Auffassung“, welcher der Stückwerk-Techniker im Gegensatz zum Holisten auf die Veränderung der Gesellschaft und deren Institutionen einnimmt. Anders als der Holist ist der Stückwerk-Techniker bereit aus seinen Fehlern zu lernen und nicht zwanghaft an ihnen festzuhalten und alles in seiner Macht stehende zu versuchen, seine oder ihre Idee der idealen Gesellschaft durchzusetzen. Diese Fertigkeit fehlt dem holistischen Utopismus (vgl. Popper 20037,S. 76-78), und das, obwohl selbst der Holist zwangsweise auf Stückwerk-Methoden zurückgreifen muss, nämlich dann, wenn die bereits angesprochenen unvorhergesehenen Nebenwirkungen bei der Durchführung des großen Plans des Holisten eintreffen, und es notwendig machen, spezifisch auf diese zu reagieren. Der Stückwerk-Techniker dagegen ist Popper zufolge besser auf derlei Nebenwirkungen vorbereitet, da er sie schon im Voraus mit eingeplant hat, anders als der Holist, der hierdurch zur „ungeplanten Planung“ gezwungen wird. (ebd., S. 60 f.). Unter anderem aufgrund dessen ist die holistische Methode Popper zufolge „einfach nicht durchführbar […]: sie ist unmöglich.“ (ebd., S. 61).

Price kritisiert diese Aussage als widersprüchlich, zum einen weil in der englischen Ausgabe, auf welche Price sich bezieht, statt „nicht durchführbar“ „does not exist“ steht, was nicht sein kann, da Popper zugibt, dass es sich dabei um zwei unterschiedliche, und damit definitiv existierende Methoden handelt. Price räumt allerdings ein, dass Popper vielleicht gemeint hat, was in der deutschen Fassung offensichtlich ist, nämlich, dass die holistische Methode „nicht durchführbar“ ist. Die wichtigere Feststellung ist allerdings die, dass, wenn ein Holist zwangsweise Stückwerk-Techniken anwenden muss immer dann, wenn er sich mit unerwarteten Nebenwirkungen konfrontiert sieht, sich die holistischen und stückwerk-technischen Methoden nicht unterscheiden. Darüber hinaus kann der Stückwerk-Techniker auch weitreichende Ziele für die Gesellschaft im Hinterkopf behalten, auch wenn er sich nur auf einzelne Aspekte konzentriert, womit er sich hier wenig, wenn überhaupt, vom Holisten unterscheidet, wie Popper selbst auch zugegeben hat. Price fragt auf diese Feststellung hin berechtigt: „Now, if there may be identity of objective, and if there must be identity of method, is there very much left of this distinction between holistic and piecemeal social engineering?“ (Price 1960, S. 156).

Popper selbst sieht im Angesicht dieser Ähnlichkeiten der Methoden den Unterschied darin, wie bereits erwähnt wurde, dass der Stückwerk-Techniker besser auf Nebenwirkungen vorbereitet sei. Price argumentiert allerdings, dass der Holist aufgrund seines groß angelegten Planes durchaus auch gewisse mögliche Konsequenzen von Anfang an mit einbezieht und auch dazu bereit ist, Kompromisse einzugehen, selbst wenn dies bedeutet, dass das ursprüngliche Ziel dadurch nicht in der Form erreicht wird, wie vorgesehen. Gleichzeitig warnt Price davor, dass der Stückwerk-Techniker möglicherweise schlechter auf schwerwiegende Konsequenzen vorbereitet ist, welche auch durch relativ kleine gesellschaftliche Veränderungen hervorgerufen werden können, da er oder sie schlichtweg nicht mit diesen gerechnet hat (vgl. ebd., S. 156 f.), wie bereits mithilfe Irziks Beispiel der Äxte australischer Ureinwohner illustriert wurde. Der einzige Punkt, in welchem Price Popper zumindest eine Art von Zugeständnis macht, ist die Vermutung, dass „the more extensive the plan a man has in mind, the less he will be inclined to modify it.“ (ebd., S. 157). Dies liegt laut Price allerdings an der Einstellung des- bzw. derjenigen Planenden und nicht am grundlegenden Unterschied zwischen holistischer und Stückwerk-Methode (vgl. ebd.).

Doch was ist mit dem Umstand, dass der holistische Utopismus Popper zufolge unvereinbar mit einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft ist? Tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen dieses Grades ziehen zwangsläufig Widerstandsbewegungen großer Teile der Bevölkerung nach sich, auf welche der Holist aufgrund der Natur seines Planes nicht eingehen kann, denn dies würde ja voraussetzen, dass er Teile des Selbigen modifiziert bzw. Kompromisse schließt, was natürlich nicht dem holistischen Ansatz entspricht (vgl. Wiegand 1968, S. 271 f.). Aus diesem Grund ist der Holist gezwungen diese Teile der Bevölkerung entweder systematisch zu unterdrücken oder anderweitig zur Kooperation mit dem holistischen Plan zu zwingen, entweder durch Manipulation oder Drohpotential, was wiederum auf Unterdrückung hinauslaufen würde (vgl. Popper 20037, S. 80).

Wie bereits dargestellt wurde, nimmt Popper vom holistischen Utopismus also an, dass dieser a priori nur totalitär ausarten kann. Dies ist allerdings eine Feststellung, welche nur a posteriori gemacht werden kann und selbst dann wahrscheinlich nur für den in diesem Moment betrachteten Einzelfall gültig ist, da eine Umformung der Gesellschaft im holistisch-utopistischen Sinne bzw. unter Zuhilfenahme holistischer Methoden nicht zwangsweise identisch oder auch nur ähnlich ablaufen muss, denn, wie Popper selbst zugibt, muss sich der Holist bei seinen Eingriffen in die Gesellschaft zwangsweise selbst der Stückwerk-Technik bedienen. Da diese sich allerdings, zumindest der Methodik nach, lediglich auf einzelne Aspekte der Gesellschaft konzentriert kann Popper hiermit in diesem Kontext auch nur einzelne Probleme gemeint haben, und dass diese bei jedem holistischen Vorgehen genau gleich ausfallen würden klingt fast schon so prophetisch oder gar fatalistisch wie Popper es manchen Historizisten zuschreibt. Darüber hinaus wurde ja bereits im Kontext von Prices Kritik an Poppers Darstellung des Holismus darauf hingewiesen, dass auch bei einem holistischen Vorgehen Kompromisse eingegangen werden können.

Am Ende dieser Kritik dessen, was Popper eine unscharfe Trennungslinie zwischen beiden Methoden genannt hat, ist es allerdings wichtig darauf hinzuweisen, dass Popper selbst auf dessen Unschärfe hingewiesen hat. Diese Formulierung kann durchaus kritisiert werden und wurde es natürlich auch. Unter Umständen weist sie jedoch darauf hin, dass Poppers eigene Auslegung der Stückwerk-Technik vielleicht nicht so streng ist, wie jene Irziks und anderer Kritiker und dass eine Interpretation bzw. eine Weiterentwicklung im Sinne Afisis vielleicht sogar im Sinne Poppers gewesen wäre. Eine solche many-pieces-at-once-Technik wäre vielleicht zwischen einer strikten Stückwerk-Technik im Sinne Irziks und einem holistischen Utopismus im Sinne Poppers anzusiedeln, eventuell ungefähr dort, wo Popper die unscharfe Trennungslinie sah, und könnte damit noch von Popper akzeptiert werden. Aufgrund des Beharrens eines grundlegenden Unterschieds zwischen Stückwerk-Technik und holistischer Sozialtechnik seitens Poppers und der unklaren bzw. nicht zufrieden stellenden Definition der Stückwerk-Technik und ihrer unterscheidenden Merkmale zum Holismus kann dies jedoch nicht mit Sicherheit bestätigt werden.

3 Fazit

Ziel dieser Untersuchung war die Darstellung der Stückwerk-Technik Karl Poppers und dem von ihm als solchen skizzierten Antagonisten, der holistisch-utopistischen Sozialtechnik, zur Herausarbeitung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Ansätze zueinander und zur Prüfung des realistischen Effektivitätspotentials der Stückwerk-Technik.

Ergeben hat sich ein insgesamt schwieriges Bild beider Ansätze auf der Basis des Elend des Historizismus. Das Werk im Allgemeinen, sowie die Stückwerk-Technik im Besonderen, wurden in den Jahrzehnten seit der Erstveröffentlichung des Öfteren kritisiert, vor allem auch für die Schwierigkeiten bei der Definition einiger der Hauptbegriffe des Werks, darunter der Historizismus selbst (vgl. u.a. Passmore 1975, 31), aber auch die für diese Arbeit essentiellen Begriffe des Holismus und des Utopismus, sowie die Stückwerk-Technik bzw. -Methode. Daher überrascht es auch nicht, dass diese Methode, beispielsweise von Irzik, sehr streng interpretiert wurde, ein Umstand, dem man ihm kaum vorhalten kann. Ob diese Interpretation des Stückwerk-Technik, nach welcher nur möglichst wenige Aspekte der Gesellschaft möglichst gering verändert werden dürfen, vollkommen im Sinne Poppers war, ist allerdings auch fraglich. Wie Afisi gezeigt hat lassen sich bereits mit relativ kleinen Modifikationen dieser Interpretation der Stückwerk-Technik große Unterschiede im Bezug auf das Ausmaß der Resultate erzielen. Afisi selbst sieht hier keinen Bruch mit Popper, es ist allerdings schwer absehbar, ob Popper selbst dies auch so empfunden hätte, denn das Ausmaß der Resultate war das, was er mit der Stückwerk-Technik so klein wie möglich halten wollte. Dies sollte den Zweck erfüllen, die Konsequenzen bestimmter Eingriffe seitens des Stückwerk-Technikers in die Gesellschaft so gut wie möglich zurückverfolgen und auf ihre Ursachen zurückführen zu können mit dem Ziel, aus möglichen Fehlern oder Erfolgen zu lernen. Dass dieser Ansatz durchaus auch seinen Nutzen hat, leuchtet ein, dass er in manchen Fällen jedoch nicht weit genug greift bzw. greifen kann, allerdings auch. Wie Irzik bereits festgestellt hat erfordern unterschiedliche Situationen unterschiedliche Vorgehensweisen, ob diese nun der Natur nach der Stückwerk-Technik in einer strikten oder liberalen Interpretation, oder der many-pieces-at-once Technik oder gar einer noch „holistischeren“ Sozialtechnik zuzuordnen sind. Der Zweck mag zwar nicht immer die Mittel heiligen aber es gibt keinen Grund anzunehmen, wie Price angedeutet hat, dass ein holistischer Sozialtechniker bei der Durchführung seines Plans nicht auch auf gesellschaftliche Änderungen eingehen und seine Ziele entsprechend anpassen kann. Dass holistisches Vorgehen immer zwangsweise zu einem Autoritätsregime und zur Unterdrückung Teile der Bevölkerung führt, kann daher bezweifelt werden. Es spricht außerdem nichts dagegen, dass ein Holist, wie Popper selbst zugibt, auch Stückwerk-Techniken einsetzt bzw. einsetzen muss, somit scheint das Argument, dass ein Holist automatisch auf die Reichweite seiner Reformen festgelegt ist, schwer nachvollziehbar (vgl. Popper 20037, S. 61). Und Ansätze a priori kategorisch auszuschließen, welche nicht strikten Stückwerk-Charakter haben, ähnelt sehr stark Poppers Charakterisierung des Holisten, welcher die Stückwerk-Technik von vornherein verwirft (vgl. ebd., S. 60).

Die Unterschiede zwischen Stückwerk-Technik und holistisch-utopischer Sozialtechnik sind, wie Popper treffend festgestellt hat, unscharf und, bedingt durch die unterschiedlichen Interpretation aufgrund der teils unklaren Definition und der Weiterentwicklung der Stückwerk-Technik, auch fließend. Welche Art der Sozialtechnik die „Beste“ ist kann also pauschal nicht festgestellt werden; es ist immer situationsabhängig. Somit kann festgehalten werden, dass die Stückwerk-Technik Poppers durchaus eine legitime Form der gesteuerten Gesellschaftsentwicklung darstellt, je nach Interpretation allerdings in unterschiedlich großem Umfang und unterschiedlich effektiv. Dass sie die einzig legitime Form der Durchführung sozialer Reformen ist, kann allerdings bezweifelt werden.

Literaturverzeichnis

  • Afisi, Oseni Taiwo: Karl Popper’s Piecemeal (or many pieces at once) Social Engineering. Presented at the Australasia Postgraduate Philosophy Conference, University of Auckland, 28th-30t h of September 2012.
  • Afisi, Oseni Taiwo: Re-echoing the Conservatism in Karl Popper’s Piecemeal Engineering. In: Studia Philosophica Wratislaviensia, 2020, Vol. XV, fasc. 1. S. 9-18.
  • Birner, Jack: Karl Popper’s The Poverty of Historicism after 60 years. In: Metascience, 2018, Vol. 27, Issue 2, S. 183-193.
  • Freeman, Michael: Sociology and Utopia: Some Reflections on the Social Philosophy of Karl Popper. In: The British Journal of Sociology, 1975, Vol. 26, No. 1, S. 20-34..
  • Irzik, Gürol: Popper’s Piecemeal Engineering: What Is Good for Science Is not Always Good for Society. In: The British Journal for the Philosophy of Science, 1985, Vol. 46, No. 1., S. 1-10.
  • Passmore, John: The Poverty of Historicism Revisited. In: History and Theory, 1975, Vol. 14, No. 4, Beiheft 14: Essays on Historicism, S. 30-47.
  • Popper, Karl: Das Elend des Historizismus. Tübingen 20037.
  • Russell Price: Holistic and Piecemeal Social Engineering. In: Political Science, 1960, Vol. 12, Issue 2, S. 151-157.
  • Wiegand, Ronald: Zur Theorie der Sozialwissenschaft bei Karl R. Popper. In: Soziale Welt, 1968, 19. Jahr., H. 3/4, S. 268-278.

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